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Das Gebet als Kraftquelle und Dienst für die Welt

In den vergangenen Tagen standen ungezählte Briten bis zu 30 Stunden in einer fast 8 km langen Schlange, um am Sarg der verstorbenen Queen Elizabeth II. vorbeiziehen zu dürfen. Geduldiges Schlagestehen gilt als britischste aller Tugenden, auf die man im Vereinigten Königreich stolz ist.

Auch dem Apostel Paulus wurde viel Geduld abverlangt mit seinen Mitmenschen. Er war nicht nur ein bekannter Reiseprediger. Er bildete auch junge Mitarbeiter in Gemeindeleitung und Evangelisation aus. Einer von ihnen war Timotheus: ein Begleiter des Paulus in den Tagen seiner 2. Missionsreise. Auch nachdem Paulus wieder allein umherzog, riss die Verbindung nicht ab. Timotheus war in Ephesus zurückgeblieben. Dort hatte er sozusagen die Pfarrstelle dieser Großstadtgemeinde inne. Das war keine einfache Gemeinde – aber wo gibt’s die schon? Alle möglichen Leute waren dazugekommen. Hatten unterschiedliche Vorstellungen mitgebracht. Gut also, dass Timotheus immer noch brieflichen Kontakt mit seinem Mentor hält. Denn der gibt ihm hier den Tipp, auf das Wesentliche zu achten: Was möchte Gott?

Paulus empfiehlt in Vers 1 der heutigen 2. Lesung „vor allen Dingen“ das Beten. Er gibt keine Management-Tipps oder Hilfen für die Verwaltung. Kannte keine Verwaltungsstrukturreform, auch nicht das Neue Kirchliche Finanzwesen. Nein, er stellt die Gretchenfrage: Wie hältst du, lieber Timotheus, es mit dem Beten?

 Drei Dinge erscheinen mir hier auch für uns wichtig, die wir im Jahre 2022 in der Pastoral tätig sind:

 1) Das Gebet ist die Kraftquelle der Gemeinde.

In Vers 1 hören wir von zwei Dingen: von Bitte und Dank. Die Bitte – als Grundhaltung – fängt bei uns selbst an: Wir machen Gott gegenüber deutlich, dass wir seine Gaben nötig haben. Also ist das Gebet ein Angriff auf unsere Selbstbestimmung und unseren Stolz. Wir geben zu, dass wir etwas nötig haben. Diesen Mangel machen wir im Bittgebet deutlich.

Dazu kommt aber auch der Dank als 2. Grundhaltung. Wie bei dem Bauern, der in der Stadt zu einem feinen Bankett eingeladen war. Da betrachtet er kopfschüttelnd die „Schlacht am kalten Büfett“, wie Reinhard May das nannte. Er nimmt sich auch was, setzt sich, spricht still sein Dankgebet. Der Tischnachbar lächelt: „Seid Ihr auf dem Land alle noch so altmodisch, dass ihr betet?“ – „Nein, nicht alle“, antwortet der Bauer. „Ich habe im Stall 20 Säue und 100 Ferkel. Die fressen alle so. Aber wer bei uns Mensch sein will, der dankt Gott für seine Gaben.“

Der Dank: Wie oft wird er vergessen! Aber nur im Dank kann deutlich werden, dass wir Gottes Gaben nicht einfach an uns reißen, sondern uns als Beschenkte verstehen. „Der Gast verlangt – der Pilger dankt!“

Das alles macht das Gebet so wichtig und wertvoll. Deshalb sollen wir eine betende Gemeinde sein. Das ist nicht selbstverständlich. Alltagsgeschäfte können in der Gemeinde ein solches Gewicht bekommen, dass wir „vor allen Dingen“ verwalten. Gewiss: Die Hauptamtlichen, die Gremien haben viel zu beraten. Aber werden konkrete Entscheidungen auch vor Gott gebracht? Und darf er die auch mal korrigieren?   Wenn wir dennoch beten, wird das Gebet zur Kraftquelle für die Gemeinde.

2) Das Gebet ist Dienst für die Welt.

Das Gebet hört nicht bei uns auf. Die Fürbitte für andere ist Paulus wichtig. Sie ist ein stellvertretender Dienst für andere. Betet „für alle Menschen“, sagt der Apostel. Denn das Gebet ist konkreter Dienst an der Welt, an unserem Land.Die Engländer beteten in den vergangenen Tagen in zahlreichen Gottesdiensten für ihre verstorbene Queen Elizabeth II., weil sie 70 Jahre lang ihren Dienst als Herrscherin so vorbildlich gelebt hat. Heute verabschieden sich von der Monarchin Vertreter aus vielen Ländern der Welt in Westminster Abbey – der Krönungs- und Begräbnisstätte von englischen Königen.

Wenn wir „für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben“ beten, dann sagen wir damit, dass auch Politiker einem Höheren als nur sich selbst gegenüber verantwortlich sind. 

Paulus gibt uns hier eine wichtige Anregung. Das Gebet für die Regierenden führt uns in die Weite, über den engen Horizont unserer Gemeinde hinaus. Wer so betet, der treibt Politik. Und so wird das Gebet zu einem stellvertretenden Dienst für die Welt.

3) Das Gebet ist die geschenkte Möglichkeit.

Zuerst hat der Apostel Paulus gesagt, dass wir beten sollen. Dann: Was und wofür wir beten sollen. Nun wird eine entscheidende Frage noch mal aufgegriffen: Wozu eigentlich?

Wir werden fündig in den Versen 3 und 4: „Das ist recht und wohlgefällig vor GOTT, unserem Retter; er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.“ Es geht also um nichts weniger als Rettung! Und um das „Erkennen der Wahrheit“. Auch das ist wichtig in Zeiten, da keine allgemeingültige Wahrheit mehr anerkannt wird. Manche Dinge, die Christen aus der Bibel als richtig und wahr erkennen, dürfen kaum mehr laut gesagt werden in unserer Gesellschaft. 

Theologen haben daher mit Recht festgestellt, dass eine „Krise des Gebets“ in unserer Zeit einhergeht mit einer „Krise der Gotteslehre“. In der Tat: Wenn nicht mehr klar ist, um wen es sich eigentlich handelt, wenn ich „Gott“ sage – wie kann ich dann konkret beten? Wie soll ich mein Gegenüber anreden? Wie kann ich eine Beziehung aufbauen? Wo der persönliche Adressat fehlt, kommt die Post zurück zum Absender. Unzustellbar. Da kann ich dann auch den Kindern in der Schule nicht mehr plausibel machen, warum Beten sich lohnen sollte. Ich muss den kennen, zu dem ich bete!

So hat sich uns Gott in seinem Sohn Jesus Christus nicht nur offenbart, sondern zugleich auch die Möglichkeit geschenkt, mit ihm zu kommunizieren. Jesus hat seine Jünger dazu ermutigt, „Vater“ zu sagen. So ist das Gebet die uns geschenkte Möglichkeit.

 Wir dürfen das Beten täglich üben. Ähnlich einem Konzertpianisten, der sagt:

„Wenn ich einen Tag nicht übe, merke ich das.       

Wenn ich zwei Tage nicht übe, merken es meine Freunde.

Wenn ich drei Tage nicht übe, merkt es das Publikum.“ 

Mit dem Beten ist es ähnlich:

Wenn ich einen Tag nicht bete, merkt es Gott.

Wenn ich zwei Tage nicht bete, spüre ich es.

Wenn ich drei Tage nicht bete, spürt es meine Umgebung.

Bei der Sitzung des Synodalen Weges in Frankfurt regte unser Bischof Bertram an, zum Gelingen der Gespräche eine Nachtanbetung zu halten. Es wurde abgelehnt. 

Ich hoffe, Timotheus hatte damals in Ephesus Leute, mit denen er beten konnte. Denn: Wir müssen nicht beten, wir dürfen beten. Es ist ein Vorrecht. Weil wir den Adressaten kennen. Paulus sagt: „Einer ist GOTT“. Diesen einen Gott und seinen Boten Christus Jesus auch heute in der Welt zu bezeugen, muss immer noch und nach wie vor die Mitte aller Pastoral, aller Seelsorge bleiben!

Amen.