EIGENTLICH - oder Alles hat seine Zeit

In den letzten Tagen und Wochen habe ich oft Sätze gehört, die mit dem Wort „eigentlich“ begonnen haben: Eigentlich wollten wir an Ostern mit unseren Kindern und Enkeln feiern – aber das war ja nicht erlaubt! Eigentlich hatten wir uns schon so auf den Urlaub gefreut – aber dann mussten wir stornieren.
Eigentlich wäre unsere Tochter Anfang Mai zur Erstkommunion gegangen – aber die ist erstmal ausgefallen. Eigentlich …
Durch die Ausgangsbeschränkungen, Schließungen und Absagen von Feiern und Veranstaltungen wurden die Kalender immer leerer und es stellte sich das Gefühl ein, um so viele Möglichkeiten und schöne Momente gebracht worden zu sein. Das ging vermutlich uns allen so. Manche Termine, Feste und Begegnungen können wir nachholen und dies ist auch schon fest vereinbart. Doch das gilt nicht für alle Momente der letzten Wochen:

  • Das eigene Enkelkind als Neugeborenes im Arm zu halten, mit nur wenigen Tagen – diesen Moment kann man nicht nachholen.
  • Eine offizielle Abschlussfeier nach bestandener Prüfung ist aktuell nicht erlaubt – dies hat in drei Monaten keine Bedeutung mehr.
  • Die Freundin in den Arm zu nehmen, nachdem sie eine schlimme Diagnose vom Arzt bekommen hat und nun mit der Krebserkrankung kämpft – diese Möglichkeit ist vorbei und so blieb sie gerade in diesem wichtigen Moment allein.
  • Sich von einem Verstorbenen persönlich zu verabschieden, ja vielleicht sogar noch einen Konflikt aus der Welt zu schaffen und Versöhnung zu finden – dies war nicht mehr möglich.

Wir könnten diese Liste beliebig fortsetzen – und natürlich kann man sagen, dass sich das ein oder andere Beispiel nicht miteinander vergleichen lässt. Eine abgesagte Geburtstagsfeier ist nicht das Gleiche, wie die verpasste Möglichkeit des Abschieds am Sterbebett. Und doch bleibt ein Gefühl zurück, das ähnlich ist: es ist das Gefühl, dass man etwas loslassen muss. Etwas, was man nicht mehr zurückholen kann. Es ist ein Gefühl von Leere, innerer Unversöhnlichkeit, ja auch Traurigkeit.
In verschiedenen Gesprächen der letzten Wochen ist mir bewusstgeworden, dass es sehr wichtig sein könnte, diesen Gefühlen Raum zu geben und einander davon zu erzählen, weil uns dies miteinander verbindet. Erst wenn wir diese „nicht gelebten Momente“ loslassen und wir es stehen lassen können, dass diese nicht mehr kommen, können wir wieder Sätze ohne ein „EIGENTLICH“ begin-nen. Denn dieses EIGENTLICH verhindert, dass wir mit den Dingen abschließen und uns damit versöhnen, uns auf Neues freuen können.
Schon Generationen vor uns haben diese Erfahrung gemacht, wie der biblische Text aus dem 3. Kapitel des Buches Kohelet zeigt. Für mich spiegelt er viel von der Spannung wider, in der unser Leben steht.

Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:

  • eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen,
  • eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen,
  • eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen,
  • eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz; …

Wenn wir irgendwann später auf diese Wochen der Pandemie schauen, sollten wir in unseren Familien, im Freundeskreis, in der Schule, in unseren Pfarrgemeinden, ja überall auf der Welt vielleicht einander auch davon erzählen, was wir „loslassen mussten“. Dies wird im Blick auf so manche „verpasste Momente“ auch noch nach Jahren weh tun und traurig machen, aber es wird uns auch miteinander verbinden, weil wir ein Gefühl teilen, das alle kennen. Ob in Friedberg, Rom, Kapathika, Lima oder Vancouver, ob bei Alten oder Jungen, Armen oder Reichen, Mann, Frau oder Kind. Es ist eine verbindende Erfahrung, und wenn wir einander davon erzählen und dies nicht als unwichtig abtun, wird sie vielleicht auch unseren Blick dafür schärfen, wie wertvoll eine Einladung, ein Fest, die Möglichkeit einer Reise, die Geburt eines Babys, die Versöhnung nach einem Streit, die Verabschiedung der Verstorbenen ist.
Unser Blick dafür wird geschärft, wie wichtig die beiden Seiten sind, von denen im Buch Kohelet geschrieben wird. Weil beides genau diese Spannung, unser Leben ausmacht!

Dr. Kristina Roth