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Waren Sie schon einmal in Venedig?

Letztes Jahr durfte ich mit 58 Ministranten und Firmlingen aus unserer Pfarreiengemeinschaft diese traumhaft schöne Stadt besuchen. In unserem grünen Pfarrbrief können Sie davon beeindruckende Bilder betrachten. Ja, ich bin mir ganz sicher, dass Sie auch jetzt schon Bilder von Venedig vor Augen haben. Vielleicht ist es der Markusdom mit seinem großen Platz und den vielen Tauben. Ganz sicher haben Sie die Kanäle vor Augen mit ihren unzähligen Brücken. Jede Brücke ist ein Kunstwerk. Ja, Venedig und seine Brücken.

Ähnlich ergeht es Ihnen vielleicht mit Rom, Paris, London oder San Francisco. Neben berühmten Bauwerken, vor allem Kirchen und Palästen, sind es nicht zuletzt Brücken über den Tiber, die Tower-Bridge in London, die Seine-Brücken in Paris, die Golden Gate Bridge in San Francisco, oder eben die Brücken in Venedig, sie alle folgen einem unverzichtbaren Bauprinzip: Sie sind auf festen Grund gebaut. Und sie haben noch etwas gemeinsam: Sie haben etwas Verbindendes und etwas Tragendes, Überbauendes, eben das, was eine Brücke ausmacht. Brücken führen über Hindernisse. Das kann unwegsames Gelände, felsiges Gebiet sein. Das können Täler sein, Abgründe, Flüsse, Seen, Moore, Schluchten.

Was hat das mit dem heutigen Sonntag zu tun? werden Sie fragen. Ganz viel. Denn wenn wir uns den heutigen Tag näher anschauen, stellen wir fest, dass wir uns zwischen zwei Eckdaten befinden, wie zwischen zwei Brückenpfeilern: Zwischen Ostern und Pfingsten, genauer zwischen Christ Himmelfahrt und Pfingsten. Für die Apostel und Maria, die Mutter Jesu, ganz bestimmt eine Zeit, die von Unsicherheit, von Ängsten bestimmt war. Eine steinige Zeit, Abgründe lauerten, Schluchten taten sich auf. Passt das nicht auch für die Zeit zwischen Lockdown  und  Lockerungen, zwischen Die-erste-Welle-fast-geschafft-zu-haben und eine zweite befürchtend.

Was damals die Apostel und Maria brauchten, war etwas, das sie vor allem auch mit dem verband, der von ihnen gegangen war, dessen Abschied mehr Fragen als Antworten hervorrief. Wie sich Maria und Apostel in dieser Zeit verhielten, wie sie mit ihren Ängsten und Fragen umgingen, haben wir eben gehört: „Sie gingen in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben“, heißt es in der Apostelgeschichte. „Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet“, erfahren wir dann weiter. Das Gebet wurde zur Brücke. Himmel und Erde berühren sich. Diese Brücke, das Gebet, trug sie in all ihren Ängsten. Die Gebetsbrücke verband die Apostel und Frauen auch untereinander. Sie war zugleich die Verbindung zu Christus, um dessen Wiederkunft sie beteten. Und sie beteten um den Geist, den Beistand, den Christus ihnen versprochen hatte. Die Gebetsbrücke stand auf festem Grund: auf dem Glauben, der sich aus dem Wort und dem Leben Jesu speiste. Er hatte sie in rechter Weise beten gelehrt.

Im Evangelium wurden wir heute gleichsam Augen- und Ohrenzeugen des Gebetes Jesu an seinen Vater. Er erhebt seine Augen zum Himmel, spricht von seiner „Stunde“. Dann beginnt er die Verherrlichung und Herrlichkeit zu beschreiben. Zugleich bittet er den Vater darum, sein Werk zu vollenden.

Wir erleben dieses Jahr 2020 bisher als sehr steinig, ja felsig. Auch bei uns tun sich Schluchten auf, Seen, Moore und Abgründe. So mancher geht oder kommt einfach nicht mehr. Das Gebet trug damals Maria und die Apostel über ihre Ängste und Fragen - wie es denn weitergehen sollte - hinweg. Spätestens ab heute sollten wir wieder anfangen, dem Vater im Heiligen Geist etwas zuzutrauen. Und wir haben das Wort des Sohnes, des größten Brückenbauers aller Zeiten: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Ein Wort, das trägt. Wie eine Brücke.

AMEN.