Aktuelles & Neuigkeiten

Auf meinem diesjährigen Pilgerweg von KALTERN nach VERONA ...

... begegnete ich immer wieder Orten des Gedenkens an die Reise von Johann Wolfgang von Goethe nach Italien. Beim Blick auf das heutige Evangelium erinnerte ich mich an den Osterspaziergang in Goethes "Faust", wo es heißt: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,… Die eine will sich von der anderen trennen.“ Vielleicht erleben Sie diese Zwiespältigkeit manchmal bei sich selber in ähnlicher Weise, oder es fällt Ihnen – wie mir – vor allem die Unschlüssigkeit und Unbeständigkeit anderer Menschen auf: gestern so, heute schon wieder anders. Was sie gestern noch ganz toll fanden, zählt heute schon nicht mehr.

Im Abschnitt aus dem 21. Kapitel des Matthäusevangeliums fordert ein Mann seinen Sohn auf, im Weinberg zu arbeiten. Der aber hat keine Lust und lehnt rundweg ab. Später bereut er seine Absage und verrichtet die Arbeit doch. Das weiß aber der Mann nicht und beauftragt daher den zweiten Sohn, in den Weinberg zu gehen. Der sagt zwar sofort zu, die Arbeit zu tun, denkt aber gar nicht daran, sich an sein Versprechen zu halten. Er geht nicht in den Weinberg.

Jesus fragt nun die Hohepriester und Ältesten, wer denn von beiden Söhnen den Willen des Vaters erfüllt habe.

Nun könnte man antworten: Keiner von beiden! Denn der erste hat doch zunächst klar abgelehnt! Erst sein schlechtes Gewissen hat ihn davon überzeugt, doch noch die Arbeit zu verrichten. Was halten wir von so jemandem? Ist der plötzlich für uns ein guter Mensch, ein fleißiger Sohn? Nein, für uns ist er immer noch einer, der erst mal keine Lust hatte! Ein undankbarer Kerl! Naja, wenigstens hat er am Ende doch noch die Kurve gekratzt und den Wunsch des Vaters befolgt. Den besten Eindruck haben wir trotzdem nicht von ihm. Immerhin können wir klar sagen: Das Verhalten des Zweiten geht gar nicht: erst ja sagen und sich dann nicht daranhalten. Dieses Verhalten kennen wir alle aus unserem Umfeld nur zu gut. Wird uns nicht von der Politik alle vier Jahre zu den Wahlen Großartiges versprochen, und dann nicht gehalten? Oder auch im Privaten: Geben nicht Freunde und Bekannte leicht Zusagen, die dann nicht eingehalten werden? Sind wir nicht oft genug darüber verärgert?

In der Bergpredigt hatte Jesus einem Zuhörer einen sehr ähnlichen Gedanken schon einmal gesagt: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein.“ Das heißtnatürlich nicht, dass man seine Meinung nicht ändern kann, wenn man darüber nachgedacht hat. In der Sprache der Bibel heißt diese Veränderung „Umkehr“. Aber wenn man seine Meinung und sein Wort ändert, also umkehrt, um einen neuen Weg einzuschlagen, dann sollte man das auch sagen – und natürlich zu seinem Wort stehen. Nur auf diese Weise werden sich andere auf ein „Nein“ oder ein „Ja“ verlassen können, wenn wir auch tun, was wir sagen. Jesus verlangt nicht von uns Menschen, dass wir perfekt, fehlerfrei sind, dass wir immer alles sofort richtigmachen. Aber er möchte, dass wir unser Tun reflektieren und uns bemühen, es künftig besser zu machen. Wir sollen reumütig sein, also den Mut zur Reue haben, um dann umkehren zu können.

In diesem Sinne handelt also der erste Sohn durchaus menschlich vorbildlich: Er verhält sich falsch, kehrt aber um und macht es am Ende doch richtig. Ebenso die Dirnen und Zöllner. Jesus greift außerdem mit dieser Geschichte konkret die Hohepriester und Ältesten an, indem er ihnen den Spiegel vorhält. Er sagt: Obwohl ihr mit Johannes dem Täufer in Kontakt gekommen seid und gesehen habt, wie gerecht er sich verhält, habt ihr ihm doch nicht geglaubt. Anders die Zöllner und Dirnen: Sie haben auf Johannes gehört. Was will uns Jesus damit sagen?

Oft stehen wir uns selber im Weg, weil wir meinen, die Weisheit schon perfekt erkannt zu haben. Wir meinen, wir seien schon gut genug, alles sei in Ordnung, wie es jetzt ist. Wir denken, wir müssten nicht mehr an uns arbeiten.

In der Lesung gibt uns Paulus dazu zwei Ratschläge, die bei allen Auseinandersetzungen die gemeinsame Grundlage abgeben können: „In Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst.“ Der Völkerapostel wirbt darum, die eigene Meinung von vornherein um eine Stufe herabzusetzen und dafür die Meinung des Gegners aufzuwerten – vielleicht ergeben sich dadurch neue Gesichtspunkte und bisher unbeachtete Lösungsmöglichkeiten. Damit sind wir beim zweiten Ratschlag des Paulus: „Jeder achte nicht auf das eigene Wohl, sondern auf das der andern!“ Wer so handelt, wird eine Lösung anstreben, die die bisherigen Argumente übersteigt und beide Seiten weiterführt.

Mit solch einer Einstellung können christliche Gemeinden Kristallisationspunkte der Geschwisterlichkeit werden, auf andere ausstrahlen und so den zu Anfang genannten Ausspruch aus Goethes Faust: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“ widerlegen.

Ihr Pfarrer

Siegbert G. Schindele