„Freut euch zu jeder Zeit!“

Epochenbruch, das meint Ereignisse wir „9/11“, die Finanzkrise, die Corona Pandemie. Seit der letzten Weihnachtsfeier 2019 sind wir alle miteinander in eine neue Zeit geschlittert. Nichts geht mehr ohne Abstand, Maske, Kontakt-Nachforschung. Dass es am Heiligabend in Kirchengemeinden an vielen Orten Weihnachtsfeiern gab, wo Menschen dichtgedrängt miteinander die Geburt des Gottessohnes feierten, wo sie unangemeldet kommen durften und gemeinsam die geliebten Weihnachtslieder sangen, das ist nach diesen wenigen Monaten mit Corona beinahe schon unvorstellbar. Wie werden, wie dürfen wir im Jahr 2020 Weihnachten feiern? Anders als bisher, genauer: anders, als in den letzten Jahren und Jahrzehnten gewohnt und Gewohnheit geworden. Wir müssen vermutlich neue Wege finden, die Frohbotschaft zu verkünden, „die allem Volk zuteilwerden soll“.

Die Heilige Nacht gilt vielen als Höhepunkt des Festes aller Feste – alle Jahre wieder und doch jedes Mal neu. Diesmal wird viel Vertrautes infrage stehen oder wegfallen müssen. Die Leerstelle könnte zur Chance werden, das immer noch umwerfend Neue und nie selbst Ausgedachte von Weihnachten zur Sprache zu bringen und leuchten zu lassen. Wird es einen Kampf um die wenigen Plätze an der Krippe geben? Werden treue Kirchgänger Platz lassen für „Seltengeher“, die gerade dieser Gottesdienst anzieht? Müssen wir Liturgiegestalter praktikable Hilfen für daheim anbieten und den Leuten Mut machen und Anregung geben, sie auch einzusetzen? Wo wird der Platz derer sein, die Fachleute zur „Risikogruppe“ zählen? Für sie darf Weihnachten auf keinen Fall ausfallen – und für alle anderen auch nicht!

In dieser Nacht geht es um einen überraschenden Neubeginn. Überraschend, weil er von außen kommt, nicht von Menschen erdacht, sondern von Gott eingefädelt und geschenkt. Da ist eine „geheime Macht“ am Werk, die unser Leben in eine gute Richtung lenken will. Dass es so ist, erfahren wir in dieser Nacht aus Engelsmund. Wären es bloß Worte von Menschen, dann wären die Aussagen nicht viel mehr als vage Hoffnungsbilder. Dieses Kind und diese Aussagen über sein Wesen und seine Anwesenheit sind ein Geschenk des Himmels. Und all unser Schenken versucht, dieses eine Geschenk begreiflicher zu machen.

Paulus ruft der Christengemeinde in Thessalonich zu: „Freut euch zu jeder Zeit!“ Über jedem christlichen Leben steht die Freude. Denn Christen sind zur Freude berufen. Das Ideal des frohen Christen mutet in Krisenzeiten paradox an. Sorgen, Leid und Trauer begleiten uns seit Monaten. Unser Alltag ist überschattet von Vorsicht, Einschränkungen und Verzicht, und die winterliche Dunkelheit verstärkt die Sehnsucht nach Licht.

Auf dem Weg zum Licht der Freude helfen adventliche Rituale. In unseren Breiten ist es der Adventskranz, der unsere Dunkelheit erhellt und daran erinnert, dass Gott uns in sein Licht ruft, in ein Licht, das nie erlischt.

Die Märtyrerin Lucia, deren Fest auf den 3. Advents- und Gaudete-Sonntag fällt, ist eine Lichtträgerin. Ihre Legende erzählt, sie habe Kerzen wie eine leuchtende Krone auf ihren Kopf gesetzt, um die Hände frei zu haben für die Nahrung, die sie verfolgten Christen in ihre unterirdischen Verstecke brachte. Ihr Licht brachte Hoffnung in die Dunkelheit. Beter aller Zeiten haben die Stadtpatronin von Venedig und Syrakus in vielfältigen Anliegen um Fürsprache gebeten. Vor allem bei Infektionen. Freuen – beten – danken, das sind die Schlüsselwörter für ein erfülltes Leben in Christus. Wer auf diesem Weg weitergeht – trotz aller Stolpersteine -, für den ist jeder Tag weihnachtlich. Freut euch!

Eine von tiefer Freude erfüllte weihnachtliche Festzeit und davor einen gesegneten Adventsweg wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Siegbert G. Schindele