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„Schmerzhafter Freitag“ in Murnau 2021

„Schmerzhafter Freitag“ in Murnau 2021

Im Jahre 1633 – mitten im Dreißigjährigen Krieg – wütete die Pest in unsrer Gegend so stark, dass die Oberammergauer gelobten, alle 10 Jahre das Spiel vom „Leiden, Sterben und Auferstehen unseres Herrn Jesus Christus“ aufzuführen.

Einhundertdreizehn Jahre später – nämlich 1746 erzählt uns eine Votivtafel in unserer Pfarrkirche: Als an einer ansteckenden Krankheit 39 Menschen, darunter auch der erste Pfarrer Sebastian Loth und sein Kaplan Leonhard Schwaller, starben, „suchten der wohlweise Magistrat und die gesamte löbliche Bürgerschaft Hilfe und Zuflucht bei der Schmerzhaften Gnadenmutter mit dem Gelübde, den Tag der hochheiligen Schmerzen alljährlich mit einer Prozession, zwölfstündigem Gebet und anderen Andachtsübungen auf ewig zu feiern. Daraufhin hat das Übel auf einmal ein Ende genommen, und zwar so, dass nach Ablegung des Gelübdes, nicht allein niemand mehr an der Seuche gestorben ist, sondern auch noch ungefähr 20 gefährlich Krankliegende ihre frühere Gesundheit wiedererhalten haben.“

Inzwischen sind genau 275 Jahre vergangen und auch wir stehen heute wieder mitten in einer weltweiten Pandemie, der allein in Bayern bereits über 13.000 Menschen zum Opfer fielen.

Gestern, am Hochfest VERKÜNDIGUNG DES HERRN, haben wir auf das junge Mädchen aus Nazareth geschaut, das bereit war ihr FIAT ihr JA zu sagen.  

Heute schauen wir auf Maria, die schmerzhafte und schmerzensreiche Mutter des Erlösers, die mater dolorosa. Beide Feste stehen in einem inneren Zusammenhang.

Die Weissagung Simeons an Maria bei der Darstellung Jesus im Tempel: „Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“ (Lk 2,35) bildet die biblische Grundlage für diesen Gedenktag und auch für viele Darstellungen Marias mit einem Schwert in der Brust – oder gar mit 7 Schwertern – wie bei unserem Gnadenbild. Maria ist wenig erspart geblieben. Ihr Leben war ein geprüftes, ein leidvolles Leben. 

Es werden besonders „sieben Schmerzen“ aus ihrem Leben aufgezählt und uns zur Betrachtung vor Augen gestellt:

  1. Der Schmerz bei der Weissagung des Greisen Simeon, dass ein Schwert Marias Seele durchbohren wird.
  2. Das Flüchtlingsschicksal: Maria und Josef mit dem Neugeborenen auf der Flucht nach Ägypten.
  3. Das angstvolle, drei Tage lang dauernde Suchen nach dem zwölfjährigen Jesus bei der Wallfahrt zum Tempel nach Jerusalem.
  4. Die Begegnung mit Jesus auf dem Weg nach Golgota, Maria Auge in Auge mit ihrem kreuztragenden Sohn.
  5. Das Miterleben der Kreuzigung Jesu. Maria unter dem Kreuz ihres Sohnes.
  6. Die Abnahme Jesu vom Kreuz. Das Leid der Mutter, als der Leichnam ihres gekreuzigten Sohnes auf ihren Schoß gelegt wird und sie ihn in ihren Armen hält.
  7. Und die Grablegung Jesu.

Sieben Schwerter drangen in das Herz Mariens. Auch heute gibt es ungezählte Menschen die ihr Schicksal ebenso schwer empfinden. Davon spricht auch unser Anliegenbuch. Die Besucher unserer St. Nikolauskirche sind eingeladen, persönliche Gedanken und Gebete in das Buch zu schreiben.

So ein Buch zeugt von vielfältigem Leid, mannigfachen Sorgen und großer menschlicher Not. All das versuchen Menschen sich von der Seele zu schreiben. Da ist zu lesen von einem von Sorgen bedrängten Familienvater, dem jungen Arbeitslosen, der Schülerin in angstvoller Prüfungssituation, der Witwe, die kürzlich ihren Mann verloren hat, der alleinerziehenden Mutter mit ihren Problemen, dem Liebeskummer einer Studentin und der an Krebs erkrankten Ordensschwester. Mobbing am Arbeitsplatz kommt ebenso vor wie Alkoholsucht und ihre Folgen, Suizidversuch, Fehlgeburt, Beinamputation, Bypass-Operation, Lebensangst, erlittenes Unrecht, Enttäuschung und finanzielle Sorgen. Nichts bleibt in diesem Buch ausgespart. Manche Menschen - so bekennen sie darin - „wissen nicht mehr ein und aus“ und sind ganz niedergedrückt und verzweifelt.

Ein solches Buch kommt mir vor wie ein großer Krug, in dem die Tränen eines menschlichen Lebens gesammelt werden. Manche Eintragungen geben einem direkt einen Stich ins Herz, wenn da ganz groß – quer über eine ganze Seite - nur mit fünf Buchstaben geschrieben steht: WARUM?

Ich stelle mir vor, wie dieser Mann oder Frau zu Maria, der Pieta, zum Bild der Schmerzensmutter aufgeschaut hat. Maria mit dem Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß. Hat dieser Jesus nicht auch am Kreuz dieses „Warum“ laut gerufen? Und was mag in Maria vorgegangen sein, als sie ihren Sohn am Kreuz sterben sah? Hat sie nicht auch „warum“ gefragt? Was mag sie empfunden haben, als sie seinen zerschundenen Leib in ihre Arme nahm?

Es ist die Szene des Karfreitagabend. Maria ist erfüllt von unendlichem Schmerz und tiefer Trauer. Wo ist da Gott? Erfüllt er so seine Verheißungen? Warum das alles? Solches Leid macht sprachlos, ratlos, ohnmächtig.

Mich wundert`s nicht, dass gerade das Bild der Pieta das christliche Herz so anzieht und anspricht. Mich wundert`s nicht, dass Menschen vieler Generationen sich im Bild der schmerzhaften Mutter wiederfinden, sich verstanden fühlen, hier Trost und Rat suchen und Zuflucht und Hilfe finden. Maria selbst hat ja erlebt, was Menschenherzen bewegt. Sie weiß, was Armut ist und Not. Sie kennt Arbeit und Sorge. Sie hat die Last und Mühsal des Lebens erfahren. „Angst und Jammer, Qual und Bangen, alles Leid hielt sie umfangen, das nur je ein Herz durchdrang.“ So singen wir doch. Weil sie ein Mensch war, der vom Leben nicht verhätschelt wurde, der Schmerz und Leid ausgehalten hat, fassen Menschen so großes Vertrauen zur schmerzhaften Mutter Gottes und fühlen: Maria versteht uns. Sie kann helfen und trösten. Ihr dürfen wir alles sagen und bringen, was uns zu schaffen macht, was uns zusetzt, was uns bedrückt und belastet, unsere eigenen Anliegen und die der Angehörigen daheim, auch die Gefahren und Probleme der großen Welt und der Kirche in unserer Zeit.

Eines ist klar: Nicht alles ändert sich schlagartig, was unser Leben schwermacht: Krankheit oder Arbeitslosigkeit, Spannungen in der Familie, Krisen in der Ehe, sonstiger Ärger, Sorgen und Ängste. Aber ausgesprochene Not, ist abgelegte Not, oft so, als wenn ein schwerer Stein vom Herzen rollt. Viel ist schon gewonnen, wenn wir - wie Maria - an Gott nicht irrewerden, sondern uns IHM anheimstellen, uns IHM anvertrauen, uns in IHM festmachen, in IHM einen tragenden Grund und Halt finden. Viel ist schon gewonnen, wenn wir wieder besser Ja sagen können zu uns selbst, zu unserer Situation, zu unseren Mitmenschen, zu unserem Beruf und zu dem Platz, an den wir gestellt sind.

Vor den Pietas können wir nur bitten, dass wir - wie sie - die Kraft haben, unseren Glauben durch alle Anfechtungen durchzuhalten, in den Dunkelheiten des Lebens nicht zu verzagen und unser ganzes Vertrauen immer wieder auf Gott zu setzen. Wir können nur bitten, wie wir es im Gebet nach dem Engel des Herrn immer wieder beten: Lass uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen.

Übrigens, in dem Fürbittbuch finden sich nicht nur Klagen, Bitten Anliegen und Hilferufe, sondern oft auch Erhörungen, Bekenntnisse und sehr viel Dank.

Eine der schönsten Eintragungen in einem solchen Buch lautet: „Lieber Gott, ich habe hier Trost und Hilfe gefunden. Danke, danke für alles!“