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6. Sonntag der Osterzeit

6. Sonntag der Osterzeit

Eine Legende erzählt von einem jungen König, der nach dem Tode seines Vaters die Regentschaft über sein Königreich übernahm. Weil er das Land gut regieren wollte und außerdem sehr wissbegierig war, bat der junge König die Weisen seines Landes: „Tragt alles Wissenswerte über das Leben zusammen.“

Die Gelehrten machten sich fleißig an die Arbeit und legten nach 40 Jahren ihre Studien in tausend Bänden vor. Der König war inzwischen 60 Jahre alt. Er bat die Gelehrten, weil er die tausend Bücher nicht mehr alle lesen könne, das Wichtigste herauszuschreiben. Nach zehn Jahren hatten die Weisen ihre Einsichten in das Leben in hundert Bänden zusammengefasst. Der König sagte: „Das ist noch zu viel. Mit siebzig Jahren kann ich nicht mehr hundert Bände studieren. Schreibt nur das Allerwichtigste!“

Die Gelehrten gingen wieder an die Arbeit und brachten das Allerwichtigste in einem einzigen Buch zusammen. Damit gingen sie zum König. Doch der lag schon im Sterben und wollte nur noch von den Gelehrten das Wichtigste aus ihrer Arbeit erfahren.

Da fassten sie das Wichtigste in einem einzigen Satz zusammen und sagten: „Die Menschen leben, suchen das Glück, leiden und sterben; - und was wichtig ist und überlebt, ist die Liebe, die empfangen und geschenkt wird.“

Liebe Gemeinde, was bleibt von dem, was Sie und ich uns einmal alles erträumt und erarbeitet haben? Was bleibt, wenn wir überhaupt einmal aus diesem Leben scheiden müssen?  -  Antwort: Die Liebe, die wir empfangen und geschenkt haben.

Dass die Liebe das Wichtigste und Beständigste ist: Darum geht es auch im heutigen Johannes-Evangelium.

Jesus hat diese Worte kurz vor seiner Kreuzigung beim Abschied zu seinen Jüngern gesagt: - Hinter ihnen liegen wunderbare Erfahrungen. Die Jünger waren dabei, als Jesus 5000 Menschen auf einen Schlag satt gemacht hat. Sie waren dabei, als Jesus Blinde, Lahme und Aussätzige heilte, ja sogar einen Toten wieder lebendig machte. Sie haben erlebt, wie Jesus Zöllnern und Sündern sagte, dass Gott sie nicht aufgegeben hat; und wie er den selbstgerechten Pharisäern und Schriftgelehrten mit harten Worten klarmachte, dass sie Gottes Freundlichkeit im Wege stehen.
Nun liegt vor den Jüngern eine dunkle und ungewisse Zukunft. Jesus wird nicht mehr lange in ihrer Mitte sein. Was bleibt dann von seinen Worten und Taten? Was bleibt von ihren gemeinsamen Erlebnissen?

Jesus hat ihnen außerdem gesagt, dass er sie als Jünger nicht nur deshalb berufen hat, damit sie mit ihm gemeinsam eine wunderbare Zeit erleben sollen. Nein, seine Jünger sollen in seinem Namen das Reich Gottes weiterbauen.

Wie soll das gehen? Eine riesige Last bedrückt die Jünger.
Natürlich: so einen Menschen wie Jesus haben sie gebraucht, hat das Volk Israel gebraucht, braucht die ganze Welt. Aber die Jünger sind nicht Jesus. Wie sollen sie da seine Arbeit weiterführen?

Ich kann die Jünger gut verstehen, dass ihnen die Knie schlottern. Mit noch so viel Arbeitseinsatz und Idealismus ist das nicht zu bewerkstelligen.

Bei seinem Abschied trat Jesus daher noch einmal in den Kreis seiner Jünger, redete mit ihnen und sprach: “Wenn ich bald weggehe, dann lasse ich euch mit den vielen Aufgaben nicht allein. Ich gehe zu Gott, meinem himmlischen Vater. Ihr könnt mich dann zwar nicht mehr sehen, aber ich bin euch trotzdem nahe. Nie bin ich von euch weiter entfernt als ein Gebet.“

Jesus sagt hier seinen Jüngern Dinge, die zu dem Wunderbarsten gehören, was wir in der Bibel lesen können. Er sagt: „Ich habe euch lieb. Komme, was wolle: Euch kann nichts und niemand mehr etwas anhaben, denn ich bezahle mit meinem Leben für all euer Versagen. Ihr seid meine Freunde und Freundinnen. Ich helfe euch dabei, dass euer Leben voller Freude sein kann - und auch andere sich daran freuen können. Wenn ihr mit mir in Verbindung bleibt, so wird all eure Arbeit gesegnet sein und Bestand haben.“

 Diese Worte sind reines Evangelium, frohe Botschaft pur. Gott hat mich lieb! Mein Schöpfer gibt mir die Liebe, Aufmerksamkeit und Anerkennung, die ich zum Leben brauche. Gott bin ich wichtig, auch wenn ich erschöpft, müde oder krank bin.

Das befreit mich von aller Menschenfurcht. Gott muss ich nicht nach dem Munde reden. Er kennt ja meine Stärken und Schwächen. Auch brauche ich keine Angst vor Überforderung zu haben. Gott bürdet mir keine Lasten auf, die ich nicht tragen kann. Und das liegt allein in Gottes freiem Willensentschluß. Und so sagt es Jesus seinen Jüngern: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ -„Ich habe euch dazu bestimmt, dass ihr Frucht bringt und eure Frucht bleibt.“ Jesus gebraucht hier mit Bedacht das Wort „Frucht“ und nicht das Wort "Werk". "Werke", das sind die Taten, die wir aus uns selbst vollbringen, aus eigener Kraft. "Früchte", das sind die Taten, die uns organisch aus der Liebe Jesu erwachsen. Damit ist unsere Arbeit anders qualifiziert. Wir müssen nicht aus eigener Kraft großartige Dinge auf die Beine stellen.

Vielmehr sind wir dazu eingeladen, unser Leben von der Liebe Gottes durchwirken zu lassen - so, wie sich die Pflanzen von der Sonne bescheinen lassen und ihre Früchte bringen.

Gefordert sind nicht Anstrengung und Willenskraft.
Schöne Früchte aber können wachsen, wenn wir mit Jesus unterwegs bleiben. Zu seiner Liebe gibt es keine Alternative. Denn durch seine Liebe werden unsere Fähigkeiten veredelt. Ohne die Liebe aber verkehren sich unsere Anstrengungen und Gaben ins Gegenteil.
So macht Pflichtbewusstsein ohne Liebe verdrießlich.
Klugheit ohne Liebe macht gerissen.
Besitz ohne Liebe macht geizig.
Glauben ohne Liebe macht fanatisch.
Ein Leben ohne Liebe macht keinen Sinn - weder für uns noch für andere.
Doch ein Leben in Liebe macht Freude und hat Ewigkeitswert.   Amen.