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„Und führe uns nicht in Versuchung!“

„Und führe uns nicht in Versuchung!“

Darf es trotz Diät ein Stückchen Schokolade sein – oder auch für den Veganer ein saftiges Steak? Die Versuchung lauert an jeder Ecke, mag man manchmal meinen. Aber ganz ehrlich: Was passiert, wenn man der Versuchung nachgibt? Nichts wirklich Weltbewegendes. Klar, man hat die eigenen Grundsätze ein wenig hintergangen, handfeste Folgen hat das aber in der Regel nicht. Wenn bei Propheten, Heiligen oder Jesus selbst von "Versuchung" die Rede ist, ist dagegen eine ganz andere Art Versuchung gemeint.

Der Prophet Jona beispielsweise wird von Gott beauftragt, den Bewohnern der sündigen Stadt Ninive das bald kommende Gericht Gottes zu verkünden. Das tut er aber nicht, sondern fährt per Schiff in die entgegengesetzte Richtung – gibt also der Versuchung nach, sich seiner unangenehmen Aufgabe zu entziehen. Daraufhin zieht (nicht ganz zufällig) ein Sturm auf, Jona wird über Bord geworfen und von einem großen Fisch verschluckt – der bringt ihn an Land, wo er von Gott den gleichen Auftrag noch einmal bekommt und ihn dann auch ausführt.

Anders die Situation bei Hiob: Gott und der Teufel wetten darum, wie gottgefällig sich der fromme, wohlhabende Mann verhalten wird, wenn sich seine wohlsituierte Situation verändert. In der Folge verliert Hiob seinen Besitz und seine Kinder kommen um, später wird er schwer krank. Trotz seines Haderns mit seinem Leben verflucht er Gott nicht. Er hat der Versuchung, Gott zu verfluchen, standgehalten.

Alle Reiche der Welt

Am bekanntesten ist sicher die Versuchung Jesu in der Wüste, als der Teufel ihm alle Reiche der Welt anbietet, wenn er ihn anbetet. Jesus widersteht und wird dadurch in der Überzeugung seiner Aufgabe sogar noch bestärkt.

All diesen Situationen ist eins gemein: Hier stehen die Protagonisten vor einer einschneidenden Entscheidung: Folgen sie weiter ihrem Weg und halten sie an ihren Werten fest oder schlagen sie einen anderen (für sie bequemeren) Weg ein und geben ihre Werte auf? Wert oder Vorteil – das ist die Frage, und die ist für das Leben dieser Menschen ganz entscheidend. Eine Versuchung ist also eine Prüfung, ein Indikator, wie fest jemand auf dem eigenen Werte- und damit Glaubensfundament steht.

Das kann positive Folgen haben: Wer eine Versuchung meistert, kann im Glauben gestärkt, gereift und mit größerer Klarheit daraus hervorgehen. Eine überstandene Versuchung kann bedeuten, spirituell zu wachsen und die eigene Persönlichkeit zu festigen. Bei vielen Protagonisten aus der Bibel oder der Kirchengeschichte war das der Fall.

Erkenntnis erst im Nachhinein

Aber: Diese Erkenntnis kommt erst, wenn die Versuchung vorbei ist. Dann zeigt sich den betreffenden Personen der Gewinn dieses Prozesses – und überhaupt, dass sie versucht wurden. Sind sie mittendrin, ist ihnen oft nicht klar, dass es sich überhaupt um eine Versuchung handelt. Hiob etwa hat überhaupt keine Ahnung, was mit ihm geschieht, er sieht schlicht sein Leben in sich zusammenfallen. Dass er sich beweisen muss, weiß er nicht – wie auch.

In einer ähnlichen Situation befindet sich auch Jesus in der Szene am Ölberg, einer der innigsten, dramatischsten Szenen der Bibel: Jesus kniet, betet. Als frommer Jude kann er sich ausmalen, dass die Erlösung der Menschheit mit seinem Sühnetod einhergeht – das wird im vierten Gottesknechtslied im Buch Jesaja angedeutet. Jesus weiß aber auch, dass er eine Wahl hat: Noch ist niemand gekommen, die Jünger schlafen – und er kann weglaufen! Eine unendlich verlockende Perspektive. "Wir müssen hier wirklich davon ausgehen, dass Jesus mit sich ringt. Es ist nicht ausgemacht, dass er bleibt – vielleicht steht er wirklich auf und geht", sagt der Paderborner Theologe Klaus von Stosch. Dass Jesus am Ende ohne Sünde bleibt, heißt nicht, dass er keine Sünde begehen kann – dass er aber gerade vor dieser Wahl steht, macht seine Erlösung noch echter, noch eindrücklicher, sagt von Stosch.

Damit zeigt sich eine wichtige Dimension der Versuchung: Sie muss an die Substanz gehen – und im Ausgang offen sein. Wem in einer Situation von Anfang an klar ist, dass er sie ohne Probleme bewältigen kann – der sieht sich keiner Versuchung gegenüber. Vielmehr kann es ja gerade eine Versuchung sein, das eigene Handeln (ungerechtfertigterweise) mit größerer Nähe zu Gott zu rechtfertigen, obwohl das Unsinn ist.

Eine umstrittene Vaterunserbitte

Wer versucht wird, kann scheitern. "Führe uns nicht in Versuchung" betet die Christenheit im Vaterunser – zu Recht, findet von Stosch. Denn diesen harten Prozess der Prüfung mit ungewissem Ausgang wünsche sich niemand – wer weiß, wie stark man wirklich ist? Doch dieser Wunsch nach Verschonung von der Prüfung steht wie bei Jesus am Ölberg unter einer Bedingung: "Dein Wille geschehe", betet er. Wenn Gott will, kann er es also zulassen, dass ein Mensch versucht wird. Laut christlichem Glauben kennt Gott die Stärken und Schwächen eines jeden und weiß, was neuralgische Punkte bei einem Individuum sind. Es liegt an ihm, einzuschätzen, ob eine Prüfung notwendig ist. So betet ja auch Christus darum, dass der Kelch an ihm vorübergeht – das tritt aber nicht ein. Er muss sterben.

Seit längerem gibt es eine Diskussion um diese Zeile im Vaterunser. Ausgelöst wurde sie von der Frage, ob Gott Menschen wirklich in die Versuchung führt. Manche Theologen sind der Ansicht, dass die Bitte den falschen Akzent lege, vielmehr solle Gott die Menschen in Zeiten der Versuchung begleiten. So sieht es auch Papst Franziskus und wünscht sich eine andere Übersetzung der biblischen Worte. Es sei nicht Gott, der den Menschen in Versuchung stürze, um zu sehen, wie er falle, so der Pontifex im Jahr 2017. Vielmehr sei es Satan: "Ein Vater tut so etwas nicht; er hilft, sofort wieder aufzustehen." Beispielsweise auf Italienisch, Spanisch und Französisch beten Katholiken nicht darum, nicht in Versuchung geführt zu werden, sondern nicht in sie hineinzugeraten.

Von solchen Formulierungen hält von Stosch nicht viel: "Wenn Gott meint, dass ich eine Versuchung aushalten kann, muss ich sie bestehen." Selbst wenn er am Ende nicht selbst in Versuchung führe, lasse er sie ja dennoch zu. Insofern sei die Bitte, von einer solchen Prüfung befreit zu werden, durchaus berechtigt.

Einfacher gesagt als getan

Was aber tun, wenn es so weit kommt, die Versuchung da ist? Ideal ist es natürlich – und so macht es ja auch Jesus in der Bibel – sich in einer solchen Situation an Gott zu wenden und sich an ihm zu orientieren. Es hilft, sich auf seine Führung zu verlassen. Auch viele Heilige halten es so. Das ist natürlich einfacher gesagt als getan, vor allem, wenn sich eine Prüfung wie erwähnt nicht als solche zu erkennen gibt. Sich da Jesus und die Heiligen zum Vorbild zu nehmen, ist sicher löblich – aber in der Praxis enorm schwer.

Denn dass Menschen in Versuchung geraten, ist nun einmal allzu menschlich. Zu verfänglich ist die Perspektive, einfach alle Maximen sausen zu lassen und die Situation für den eigenen Vorteil oder auch nur die eigene Bequemlichkeit zu nutzen – an Vorbildern mangelt es nicht. Und selbst, wenn klar ist, dass der leichte, falsche Weg ins Abseits führt, kann er doch in einem bestimmten Moment sehr einladend sein – oder sogar in ganz vielen Momenten. Dass etwa beim heiligen Antonius die Versuchung der Überlieferung nach als Armada aus Dämonen und wilden Tieren daherkommt, trifft es vielleicht ganz gut auf den Punkt: Versuchung überwältigt – und das nachhaltig. So sehr diese Erfahrung stärken kann, angenehm ist sie nicht. Das Innerste nach außen gekehrt zu sehen, ist in der Regel nicht der schönste Anblick. Zu hoffen – und zu beten – dass einem diese Situation erspart bleibt, ist also sehr nachvollziehbar.

Von Christoph Paul Hartmann