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ANNO DOMINI 2022

ANNO DOMINI 2022

Ich stelle mir vor, die drei Weisen aus dem Morgenland sind irgendwann wieder zuhause angekommen und haben ihren Leuten zuhause von ihrer abenteuerlichen Reise erzählt.
Und ihre Leute zuhause hätten sie ausgefragt:

Was sie denn unterwegs so alles erlebt hätten, was an ihrer weiten Reise zum unbekannten König das Schwerste,
oder auch das Schönste gewesen sei.

Und der eine wird gesagt haben:
„Das schwerste an der langen Reise,
das war das Aufbrechen nur wegen eines Sternes.
Der erste Schritt, das war das Schwerste; alles hinter sich lassen.
Denn in jedem Aufbruch ist ja auch ein Bruch
mit der Vergangenheit, mit dem, was immer schon so war.“
 

Die derzeitige Pandemie ist für viele Menschen ein Bruch, ja wie eine große Finsternis, die über der ganzen Welt liegt. Wussten Sie, dass in dem Wort „Fin-stern-is“ das Wort ‚Stern’ steckt?
Das wärs also: Mitten in der Finsternis den Stern entdecken, sich dafür öffnen, also weit auf-machen, wie die drei Weisen.

Der große Theologe Karl Rahner lädt mit einem Text dazu ein:
„Brich auf, mein Herz und wandre! Es leuchtet der Stern.
Viel kannst du nicht mitnehmen auf den Weg.
Und viel geht dir unterwegs verloren. Laß es fahren.
Gold der Liebe, Weihrauch der Sehnsucht, Myrrhe der Schmerzen hast du ja bei dir. Er wird sie annehmen.“

Karl Rahner lädt also ein: Brich auf mein Herz und wandre!

Und der andere König wird zu seinen Leuten zuhause vielleicht sagen:
„Das schwerste war für mich das Weitergehen.
Immer weitergehen durch die Wüste.
Auch als wir bei Herodes an der falschen Adresse waren,
trotzdem wieder weitergehen.“

Davon können wir alle sicher ein Lied singen, liebe Schwestern und Brüder,
in einer Zeit, in der viele Menschen ihre Kirchlichkeit und ihren Glauben aufgeben;

Trotzdem weitergehen.
Auch davon schreibt Rahner über die drei Weisen:
“Der Weg ist oft weit und die Füße oft müde, das Herz oft schwer und verdrossen.
Und es kommt sich seltsam vor, und es ist schmerzlich, so ganz anders sein zu müssen
als die Herzen der anderen Menschen. …
Aber ihr Herz hält durch; sie wissen selbst nicht,
woher der Mut und die Kraft immer wieder kommen, die nicht aus ihnen sind.
Die immer nur gerade reichen, die aber auch nie ausgehen.“

Der dritte König wird dann vielleicht zuhause einwenden:
„Lasst uns doch nicht immer nur von dem Schweren reden.
Ich will euch erzählen, was das Schönste war:
Als wir dann endlich da waren, wo der Stern stehenblieb,
nach diesem langen Weg, endlich da sein,
als wären wir zuhause angekommen.
Ein ganz kleines, einfaches Kind in den Armen seiner jungen Mutter.“


„Ja, so war das,“ sagte der andere der drei Weisen:
„Am liebsten wären wir dort geblieben,
aber wir mussten ja auch wieder nach Hause zurück.
Und dann war da dieser Traum:
Ein Engel sagte, wir sollten auf einem anderen Weg zurückgehen.
Das hätte ich uns nie zugetraut, dass wir noch einen ganz
anderen Weg in unser Leben zurückfinden.
Und wahrscheinlich war es ein anderer Weg,
weil wir anders geworden sind - im Licht des Kindes.“

Und die, die den drei Weisen zugehört hatten,
sagten: „Euer Aufbrechen hat sich wahrhaftig gelohnt!“

Auch wir waren an Weihnachten wieder eingeladen, zur Krippe aufzubrechen. Auch wir kehren spätestens am Montag wieder in den Alltag zurück. Was können wir erzählen? Ist auch unser Weg ein anderer geworden durch das Licht des Kindes? Lassen auch wir uns trotz der Alltagssorgen auf eine Wirklichkeit ein, die unser Leben umfängt und ihm einen weiten Horizont gibt, weil auch wir von sehr großer Freude erfüllt wurden?

Wir haben das ANNO DOMINI 2022 vor wenigen Tagen begonnen und es hängt mit der Omikron-Variante eine dunkle Wolke über den kommenden Wochen. Lassen wir uns heute trösten, dass in dem Wort „Fin-stern-nis“ auch das Wort ‚Stern‘ enthalten ist und dass es trotz Corona ein ANNO DOMINI – ein Jahr des HERRN ist.