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Ist die Kirche noch zu retten?

 

Wenn ich mit Menschen über die Frage „Kirchenbesuch“ spreche, gibt es zwei gegensätzliche Pole.

Die einen sagen: „Wenn es mir richtig dreckig geht, ist „Kirche“ mit ihren festgelegten Ritualen, die sich auch nicht ändern hilfreich, weil sie mir Halt und Orientierung in meiner aktuellen Lage gibt. Die Schriftstellerin Nora Bossong formuliert dies in einem Interview in der SZ folgendermaßen: „Die Kirche darf auf keinen Fall so werden, wie man es in Berlin-MItte angemessen fände. Sie ist eben nicht nur Caritas, sondern auch Contemplatio. Und damit meine ich nicht Weltfremdheit, wie Kritiker bemängeln, sondern die innere Suche nach Gott. Wenn sie wegfällt, brauchen wir die Kirche nicht mehr, dann reicht es, wenn wir im Hambacher Forst demonstrieren.“

Die andern sagen: „Wenn es mir gut geht, merke ich das Frohlocken und Jubeln in der Kirche viel deutlicher als woanders.“ Oder, wie es der Heilige Papst Johannes Paul II ausdrückt: „Auf den Sonntag passt daher gut der Freudenruf des Psalmisten: »Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen jubeln und uns an ihm freuen« (Ps 118, 24).

Nun lassen sich die Menschen nicht in einfache Kategorien stecken, wie „links“ oder „rechts“, „oben“ oder „unten“. Der Strecke zwischen „mir geht es dreckig“ und „mir geht es gut“ ist zwar endlich, hat aber nahezu unendlich viele Grautöne. So viele Menschen es gibt, so viele Grautöne wird es geben.

Unabhängig davon sehe ich einen absoluten Nullpunkt, der exakt zwischen den Polen liegt. Dieser Punkt ist erreicht, wenn ich mich nicht mehr fühle. Weder der leiseste Hauch von Glück noch der allerkleinste Tropfen Bitternis erreichen mich.

Ich bin gelangweilt vom Leben. Unfähig mich zu bewegen.

Das Engagement der Menschen lässt, wie wir sehen, in vielen Lebensbereichen nach. Die Wahlergebnisse zeigen es regelmäßig wieder – Wahlbeteiligung bei der letzten Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen: 55,5% „und war damit im Vergleich zur letzten Landtagswahl im Jahr 2017 (65,2 %) deutlich niedriger. Wahlergebnis bei den Pfarrgemeinderatswahlen in St. Clemens zu Eschenlohe 2022: 11,5% und damit 2,3% niedriger als bei den Wahlen 2018.

Engagement in der Politik, im kulturellen, sozialen oder kirchlichen Bereich ist nicht mehr en vogue in einer Gesellschaft, in der „Geiz ist geil!“ gilt. Dies trifft nicht nur Deutschland.

Und damit verschieben wir die Werteskala. Die beiden Pole „Trauer“ und „Jubel“ verschwinden aus unserem Blickfeld. Wir kreisen nur noch um den „Nullpunkt“ zwischen Trauer und Jubel, verzichten auf die Reflexion unseres Tuns und Seins und bleiben, betäubt durch massiven externen Input, in dem Dämmerzustand unserer Wohlfühlzone stehen.

Von den Medien und Marketingunternehmen wird alles getan, um zu verhindern, dass wir doch noch einmal ins Nachdenken kommen. Ohren und Augen auf Empfang werden unser Hirn, unsere Gedanken und unsere Seele weichgespült.

Und so ein Mensch setzt sich dann am Sonntag in die Heilige Messe.

Statt hämmernder Beats aus den Lautsprechern, kommt gregorianischer Gesang aus dem Chorraum. Eintöniges scheinbar nie endendes Gemurmel beim Ave-Maria, statt der reißerischen „Breaking News“. Sitzen, stehen, knien statt „Bauch-Beine-Po“.

Und dann, völlig unvermittelt – Stille. Der arme Mensch, der darauf konditioniert ist, dass sich immer was rührt, muss davon ausgehen, dass der Pfarrer vorn am Altar wohl grad einen Systemabsturz hat – er sagt ja gar nichts mehr. Wenn er jetzt beim Meditations-Guru (Slogan: „Meditieren lernen mit Frederiko“) wäre, dann wäre ihm alles klar, aber hier in der Kirche?

Plötzlich seinen persönlichen Nullpunkt entdecken und fühlen, dass man nichts fühlt, ohne gleich die erlösende Betäubungsdröhnung zu bekommen, kann schon mal sehr unangenehm sein. Und ich habe dann ja auch gleich die passende Begründung zur Hand: „Ist ja alles Schnee von vorgestern. Die Kirche sollte mal ein bisschen moderner werden, ja – Zeitgeist ist gefragt. Holt den Muff aus den Talaren.“

Dazu noch einmal Nora Bossong: „Die Liturgie ist wichtig, vor allem die Eucharistie, die Vergegenwärtigung des Todes und der Auferstehung Jesu Christi. Ich erlebe die Wandlung immer wieder als Wunder und fühle mich in einen Zusammenhang eingebunden, der das Hier und Jetzt übersteigt.

 

Was können wir tun?

Hier hilft mir Psalm 1:

Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt, nicht auf dem Weg der Sünder geht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern Freude hat an der Weisung des Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht. Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen. Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht. Darum werden die Frevler im Gericht nicht bestehen noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten. Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber führt in den Abgrund.  

Der Baum, „der an Wasserbächen gepflanzt ist“, ist für mich der Mensch mit seiner tiefen Verwurzelung im Glauben, der durch sein Handeln „zur rechten Zeit seine Frucht bringt“.

Und, wie zu handeln ist, denke ich, sagt uns der 1. Petrusbrief.

Mahnungen an alle Christen

Endlich aber: Seid alle eines Sinnes, voll Mitgefühl und Liebe zueinander, seid barmherzig und demütig! Vergeltet Böses nicht mit Bösem oder Schmähung mit Schmähung! Im Gegenteil: Segnet, denn dazu seid ihr berufen worden, dass ihr Segen erbt. Es heißt nämlich: Wer das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht, der bewahre seine Zunge vor Bösem und seine Lippen vor falscher Rede. Er meide das Böse und tue das Gute; er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn blicken auf die Gerechten und seine Ohren hören ihr Flehen; das Antlitz des Herrn aber richtet sich gegen die Bösen.

Leiden und Hoffnung

Und wer wird euch Böses zufügen, wenn ihr euch voll Eifer um das Gute bemüht? Aber auch wenn ihr um der Gerechtigkeit willen leidet, seid ihr seligzupreisen. Fürchtet euch nicht vor ihnen und lasst euch nicht erschrecken, heiligt vielmehr in eurem Herzen Christus, den Herrn! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt; antwortet aber bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen, damit jene, die euren rechtschaffenen Lebenswandel in Christus in schlechten Ruf bringen, wegen ihrer Verleumdungen beschämt werden.  Denn es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für böse.

Dies, aber genau dies würde uns allen weiterhelfen.

Ihr Peter Kossack