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7 Minuten Spirit für Sonntag, den 24. Januar 2021

Lesung aus dem Buch Jona 3,1 – 5.10
Das Wort des HERRN erging an Jona: Mach dich auf den Weg und geh nach Nínive, der großen Stadt, und rufe ihr all das zu, was ich dir sagen werde! Jona machte sich auf den Weg und ging nach Nínive, wie der HERR es ihm befohlen hatte.
Nínive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren. Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage und Nínive ist zerstört!
Und die Leute von Nínive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus und alle, Groß und Klein, zogen Bußgewänder an.
Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er tat es nicht.

Impuls:
Kurz zur Erinnerung die Vorgeschichte von Jona, bevor die heutige Erzählung einsetzt: Jona ist der berufene Prophet, der irgendwie erst mal keine Lust hat, seinen Propheten-Job zu machen. Anstatt nach Nínive zu gehen und Gottes Zorn zu verkünden, versucht er, auf einem Schiff über das Meer nach Tarschisch zu fliehen. Auf dem Meer kommt es zu einem großen Sturm, der nur besänftigt werden kann, indem Jona in die Wellen geworfen wird. Dort wird er von einem großen Fisch verschlungen. Jona betet im Bauch des Fisches drei Tage und drei Nächte lang, und Gott rettet ihn. Nach diesem Abenteuer fügt sich Jona dann doch und führt den Auftrag aus, nach Nínive zu gehen und Gottes Botschaft zu überbringen: "Noch vierzig Tage und Nínive ist zerstört!"
Nínive war damals eine große Stadt mit 120.000 Einwohnern, wie es weiter hinten im Text heißt. Man stelle sich vor, wie Jona durch diese Stadt läuft und Gottes Unheil verkündet. Kann das etwas bringen und die Menschen bewegen? Wie wäre das heute?
In der Geschichte hören die Menschen von Nínive auf Jona, und es wird umfangreich gefastet, Groß und Klein hüllen sich in Bußgewänder. Der König selbst setzt sich in die Asche, wie es im Volltext heißt, eine absolute Demutsbekundung.
Der Aufruf zur Umkehr und Buße wird also ernst genommen. Und was passiert? "Da reute Gott das Unheil, dass er ihnen angedroht hatte, und er tat es nicht.", wie es kurz und knapp in dem Text heißt.
So weit so gut. Man könnte sagen: Wow, ist doch super! Der zunächst widerwillige Prophet hat auf seiner Missionsreise vollen Erfolg! Ein erstaunliches Ergebnis: die Menschen änderten sich tatsächlich. Wahnsinn!
Diese Erzählung über Jona wäre aber nicht halb so anschaulich, wenn es im weiteren Text nicht heißen würde, dass Jona ganz und gar nicht zufrieden mit seinem Erfolg war. Ganz im Gegenteil hadert er mit Gott, weil er jetzt wie einer dasteht, der nur leere Drohungen ausgesprochen hat. Jona mault im weiteren Textverlauf: "Ach HERR, habe ich das nicht schon gesagt, als ich noch daheim war? Eben darum wollte ich ja nach Tarschisch fliehen; denn ich wusste, dass Du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Huld und dass deine Drohungen dich reuen." Jona ist frustriert.

Was lernen wir aus dieser Geschichte über den Propheten Jona?
1. Nicht jeder, der zum Propheten berufen wird, freut sich darüber. Manch einer, so wie Jona zum Beispiel, versucht, seinem Auftrag zu entkommen, weil er schon ahnt, dass es kein Spaß ist, ein Mahner zu sein, der die Menschen zur Umkehr und Buße bewegen will.
2. Manche Ermahnung fruchtet wider Erwarten, und die Menschen ändern sich tatsächlich. Es kann sich also durchaus lohnen, die unbequeme Aufgabe eines Propheten zu übernehmen und zu versuchen, die Menschen in seinem Umfeld aufzurütteln!
3. Im Text heißt es: "Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten." Gott schaut also nicht weg, er schaut hin! Er verlässt die Menschen nicht!
4. Gott empfindet Mitleid mit uns Menschen und ist bereit, von seinen düsteren Plänen abzusehen, wenn die Menschen sich reuig zeigen und umkehren. Es kann also immer noch alles gut werden, wenn die Menschen ihre Fehler einsehen und sich ändern!
5. Auch ein von Gott berufener Prophet ist nicht davor gefeit, Ängste, Zweifel und Zorn zu empfinden. Ein Prophet ist nach wie vor ein Mensch mit entsprechenden Schwächen.
6. Man kann mit Gott ins Gespräch kommen: man kann mit Ihm hadern und Ihm Vorwürfe machen, man kann zu Ihm beten und Ihm zuhören. Gott jedenfalls hört zu und antwortet. Die Botschaft mag dann aber vielleicht trotzdem eine andere sein als erwartet.
Vielleicht ist mir der Prophet Jona deshalb so sympathisch, weil er so menschlich ist. Er ist nicht abgehoben, verklärt, über den Dingen stehend, immer gelassen und ausgeglichen. Nein, ganz im Gegenteil: er hat Angst, er widersetzt sich, er flüchtet, er betet, er ist wütend über Gottes Planänderung. Am Ende erleidet Jona sogar vor lauter Zorn noch einen Sonnenstich, es geht ihm so schlecht, dass er am liebsten sterben möchte. Spätestens jetzt hat er meine volle Zuneigung.
Wer nun noch an unsere aktuelle Situation rund um die Pandemie und an das Weltgeschehen denkt, dem fallen bestimmt ein paar Beispiele für Menschen ein, die sich wie Jona fühlen mögen.
Das Schöne an dem Text: Man kann irgendwie mit allen Beteiligten mitfühlen: mit dem unzufriedenen Jona, dessen Unheilsrufe nicht wahr werden, mit den Menschen in Nínive, die tatsächlich umkehren, und auch mit Gott, der Mitleid mit den Menschen hat. Vielleicht zeigt uns das, dass es immer unterschiedliche Seiten gibt, die gesehen werden möchte. Auch das gilt damals wie heute.

Anregung für die kommende Woche:
Ich kann mir überlegen: Wo bin ich ein bisschen wie Jona? Wo gehe ich meinen Aufgaben und vielleicht sogar meiner Berufung aus dem Weg? Wo ärgere ich mich, weil meine Pläne nicht aufgehen? Bin ich selber im Gespräch mit Gott und auf meinem Weg?
In diesem Sinne wünsche ich allen eine aufmerksame Woche mit dem Gedanken an Jona!

Barbara Grabmaier

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