Aus: Miteinander auf dem Weg, Nr. 51, Februar 2026
Baue meine Kirche wieder auf, die ganz zerfällt, wie Du siehst.“ Es ist wohl gegen Ende des Jahres 1205 als der Tuchhändlersohn Giovanni di Pietro di Bernardone, genannt „Francesco“ im heruntergekommenen Kirchlein von San Damiano unterhalb von Assisi diese Worte hört. Er ist nach Gefangenschaft und Krankheit ernsthaft auf der Suche danach, wofür er sein Leben sinnvoll einsetzen soll: Die Karriere als Kaufmann im Geschäft seines wohlhabenden Vaters ist es nicht – und auch die Idee, sich am Kreuzzug zu beteiligen, trägt für ihn nicht. Nun ist er auf der Suche und zieht herum, als er beim Betrachten des Tafelkreuzes von San Damiano diese Stimme wahrnimmt: „Baue meine Kirche wieder auf …“. Und er beginnt damit, für die Renovierung von San Damiano Steine und Geld zu sammeln.
Was keiner damals so absehen konnte, heute ist Franz von Assisi eine der bedeutsamsten Persönlichkeiten der Kirchengeschichte, vielleicht oder gerade deswegen, weil er seine Berufung, nicht nur ein Kirchlein, sondern die Kirche im Innersten zu erneuern, zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Auch mich selbst haben sein Leben, seine Worte und Taten schon lange inspiriert. Viele Male – allein oder mit ganz unterschiedlichen Gruppen – habe ich seine Heimatstadt und sein Grab besucht. Und wie vielleicht auch Sie selbst bin ich die Bilder seines Lebens abgeschritten, die Giotto in der Oberkirche von San Francesco in Assisi hinterlassen hat: die Mantelspende, das Gebet in S. Damiano, die Lossagung vom Vater, der Traum von Papst Innozenz von der einstürzenden Kirche, die Weihnachtsfeier in Greccio, die Vogelpredigt.
In diesem Jahr begehen wir den 800. Todestag des Franziskus von Assisi. Lange ist das her, doch seine Haltungen, seine Entscheidungen, seine Worte inspirieren noch heute. Franziskus, der Sicherheiten und Besitz zurücklässt. Franziskus, der jeden Tag Neues wagt und durch Verzicht Freiheit gewinnt. Franziskus, der sich als „minderer Bruder“ immer ein Stückchen unter jene stellt, denen er gegenübersteht – von seinen Mitbrüdern im Orden bis zu „Bruder Wolf“ und „Schwester Lerche“. Franziskus, der im Sonnengesang Gott für seine Schöpfung lobt und preist, durch Sonne, Mond, Wind und Wetter, sogar den leiblichen Tod, dankbar, ein Teil davon sein zu dürfen. Auch der Franziskus, der lieber einem Oberen gehorsam ist als selbst anderen zu befehlen.
Vieles werde ich in diesem Franziskusjahr wieder nachlesen, neu lesen und mich davon in meinem Leben heute bewegen lassen. Heute aber kommt mir eine Anekdote in den Sinn, die ich für mich an den Anfang dieses Jahres stellen möchte. Sie ist im 11. Kapitel der Fioretti, der Legendensammlung „Blümlein des Heiligen Franziskus“ nachzulesen und geht ungefähr so: Franziskus ist mit Bruder Masseo unterwegs. Als sie an eine Wegkreuzung gelangen, fragt Masseo, welchen Weg sie einschlagen sollen. Franziskus befiehlt ihm, sich auf die Mitte der Kreuzung zu stellen und sich immer im Kreis, herumzudrehen, bis er ihm anderes sagen werde. Und Masseo dreht sich und dreht sich und dreht sich, bis es ihm schwindlig wird und er mehrfach hinfällt. Endlich sagt Franziskus zu ihm: „Bleib stehen! Wohin schaust Du?“ „Nach Siena!“ „Dann ist das der Weg, den uns Gott gehen lassen will!“
Heute bleiben wir an keiner Kreuzung mehr stehen, unser Navi weist uns den Weg zu unserem Ziel. Unser Arbeitsleben ist optimiert auf selbstgesteckte Ziele, die es zu erreichen gilt – und selbst in der Kirche planen wir Prozesse und Strukturen nach unseren Vorstellungen. Auch im Privatleben planen wir vieles im Voraus: von der Laufbahn unserer Kinder bis zur nächsten Urlaubsreise. Franziskus unterbricht dieses Planen und Optimieren. Was auf Vorübergehende und auch auf uns wie ein kindisches und naives Spiel wirkt, macht in Wirklichkeit Raum für Größeres: Nicht mein Wille soll geschehen, nicht mein Planen soll Gestalt werden. Im Gegenteil: Es soll ein Raum für Gottes Willen geschaffen werden, eine Möglichkeit, dass Gottes Planen für mich sichtbar werden kann. Und so lässt Franziskus nicht nur Mitbrüder sich im Kreis drehen, sondern schlägt auch spontan und zufällig die Heilige Schrift auf, um sich Gottes Wort für sich und heute zusprechen zu lassen.
So möchte ich mit Franziskus in dieses neue Jahr gehen: immer wieder einmal den Alltag unterbrechen, Raum schaffen für Gottes Wort an mich, für seinen Willen und seine Pläne. Vielleicht sitze ich einfach nur in der Stille. Vielleicht schlage auch ich einmal die Heilige Schrift mit geschlossenen Augen auf oder blättere in meiner Fotosammlung oder der Tageszeitung. Oder ich halte mir einfach Zeiträume im Kalender völlig ungeplant offen. Oder, oder … Falls Sie mich aber einmal in Augsburg oder anderswo auf der Straße sehen, wie ich mich mit geschlossenen Augen um mich selbst drehe, machen Sie sich keine Sorgen.
Pace e bene, Frieden und Heil für das neue Jahr!
Robert Ischwang
(Diözesan-Altenseelsorger)
Zum Franziskusjahr entsteht unter dem Motto „Du führst uns hinaus ins Weite(r)“ gerade eine Netzseite zum Jubiläumsjahr. Sie erreichen sie unter https://spiritualitaet-augsburg.de/franziskus2026/