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Neujahr 2023

Schon wieder ist ein Jahr ins Land gegangen. Im Getriebe des Alltags nehmen wir die Zeit kaum wahr und merken gar nicht, wie schnell eine Stunde oder sogar ein Jahr vorbeizieht. Manchmal aber schrecken wir auf: „Was, schon so spät? Ich wollte doch längst daheim sein! Aber es war so schön bei euch und die Zeit ist wie im Flug vergangen.“
Oder wenn die eigenen Kinder heiraten, wenn Eltern zu Großeltern werden, dann fragen sie sich: „Wo ist nur die Zeit geblieben? Jetzt sind die schönen Jahre vorbei, in der die Kinder noch daheim waren.“ An einem Geburtstag oder beim Schreiben einer neuen Jahreszahl wird uns bewusst, wie schnell die Jahre vorbeigeflogen sind.


Wir kennen freilich auch Zeiten, die nur langsam umgehen, zu langsam sogar. Manche werfen vielleicht jetzt schon einen besorgten Blick auf die Uhr und hoffen, dass die Predigt nicht zu lange dauern wird. Als Kinder wollten wir schneller größer werden und möglichst bald erwachsen sein. Wenn jemand im Krankenhaus liegt und darauf wartet, endlich wieder entlassen zu werden, so wird das Warten zur Qual. Die Stunden schleichen im Schneckentempo dahin und eine schlaflose Nacht dauert schier eine Ewigkeit. Der oder die Kranke sehnt sich danach, dass endlich Morgen wird.

Wir Menschen leben mit der Zeit und in der Zeit. Die Zeit ist wie ein Fluss und wir werden wie ein Stück Treibgut mitgetragen, unaufhaltsam. Es gibt Augenblicke, da wollen wir die Zeit anhalten. Wir kennen Momente von großem Glück, von Erfüllung und Liebe, die wir am liebsten festhalten würden. Aber wir dürfen uns an niemanden klammern: nicht an den geliebten Partner, nicht an die Kinder. Die Zeit geht weiter und wir mit ihr. Wer nicht mit der Zeit geht, der wird überholt und wirkt wie eine ungepflückte Frucht an einem kahlen Baum, über den der Winter hereingebrochen ist.


Für uns Christen ist die Zeit ein Geschenk Gottes. Diese Gabe ist freilich begrenzt und wir können unsere Zeit nicht beliebig ausdehnen oder wiederholen. So sind wir eingeladen, das Geschenk der Zeit anzunehmen und gut zu nutzen. Die Zeit annehmen, das heißt: Ja sagen zu meiner Endlichkeit und zu jedem guten Augenblick, der mir geschenkt wird. Die Begrenztheit der Zeit bedeutet auch, dass das Schmerzliche und Schwere nicht ewig dauern, sondern ein Ende finden wird. Ja, es ist mehr als nur ein Ende: Wir glauben daran, dass wir das Leben aus Gottes Hand empfangen und dass es in Gottes Hand zurückkehrt. Kein Augenblick unseres Lebens ist sinnlos. Unsere Zeit geht daher nicht einfach nur zu Ende wie eine mechanische Uhr, die irgendwann einmal stehen bleibt. Vielmehr findet unsere Zeit und unser Leben eine Voll-Endung.
Alles Gelebte findet Heimat in Gott. Unsere Freude jubelt in Gott weiter und unser Schmerz findet Trost im Herzen Gottes. Nichts Gelebtes geht verloren. Alles findet in Gott Heimat und Heilung, Raum und Geborgenheit.

Liebe Schwestern und Brüder,
die alten Griechen wie auch das Neue Testament kennen 2 Begriffe für Zeit: Chronos und Kairós. Das Wort Chronos kennen wir aus den Begriffen „Chronik“ oder „Chronologie“. Chronos meint: Die neutrale Zeit, so wie sie abläuft, eins nach dem andern, ohne Wertung. Die Zeit als mechanischer Ablauf, wie der Sand in einer Sanduhr immer gleichmäßig und unaufhaltsam herunterrinnt.


Kairos dagegen meint: die rechte Zeit, der richtige Augenblick. Jesus begann seine erste Predigt mit dem Satz: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe.“ (Mk 1,15) Das bedeutet doch: Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde, in der wir die Gegenwart Gottes erfahren dürfen. Nutze daher den Augenblick, um einem Menschen ein wichtiges Wort zu sagen, das du schon lange auf der Zunge hattest! Ergreife den günstigen Moment, um deinem Leben eine kleine Wendung zu geben! Packe die Gelegenheit beim Schopf und widme dich dem, was heute dran ist! Verschiebe das Leben nicht auf den St.Nimmerleins-Tag! Genieße den guten Tag, der dir heute geschenkt wird. Lebe voll Vertrauen auch das Schwere, wenn es dir begegnet.

Hier ist uns Maria ein großes Vorbild: sie bewahrte Gottes Wort im Herzen, das zunächst der Engel Gabriel, später dann ihre Verwandte Elisabeth, die Hirten, der greise Simeon und die Prophetin Hanna zu ihr gesprochen hatten. Gott fing mit Maria das Neue, den Neuen Bund an, weil er etwas anfangen konnte mit ihr. Und er konnte dieses Neue anfangen, weil Maria sich auf Gottes Zumutung einließ, sich von ihr ermutigen ließ und Gottes Verheißung mehr traute als ihren eigenen Plänen.

Unsere Zeit ist Gabe Gottes. Wir brauchen sie nicht zu fliehen, sondern dürfen sie annehmen wie Maria und gestalten. Und weil Gott treu ist, gibt er uns zum Beginn des Neuen Jahres die Zusage aus dem AT, aus dem Buch Numeri 6,24-26:
„Der HERR segne dich und behüte dich.
Der HERR lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der HERR wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.“

Ich wünsche uns zu Beginn des neuen Jahres 2023 das Vertrauen, dass Gott alle Zeit der Welt und auch meine Zeit in seinen guten und bergenden Händen hält.
Amen.