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Neujahr 2024

Heute ist wieder Skispringen in Garmisch-Partenkirchen. Wie jedes Jahr am 1. Januar ist Neujahrsskispringen im Rahmen der Vierschanzentournee. Einmal im Jahr rücken die Skispringer in die größere Öffentlichkeit. Die Zuschauerinnen und Zuschauer – schauen auf zum Himmel, schauen hoch zur Schanze. Dort oben steht der nächste Skispringer in der Luke. Und sie sind gespannt: Wie weit wird er springen? Dass sich die Skispringer das ganze Jahr über im Stillen – meist weitab jeglicher Öffentlichkeit – vorbereiten, also trainieren, ausprobieren, verbessern, tüfteln, üben und wieder und wieder trainieren – all das steht heute nicht im Fokus. Heute geht es um den Sprung. Dabei muss der Springer in Absprache mit seinem Trainer auf die Windverhältnisse achten. Seitenwind, Rückenwind oder Aufwind – all dies beeinflusst den Sprung massiv oder verhindert ihn gar. Und wenn er dann springt, rufen manche Zuschauerinnen oder Zuschauer ganz laut: „Zieh“ Und der Springer fühlt sich förmlich getragen und springt womöglich noch etwas weiter.

Das Skispringen ist wie der Start in ein neues Jahr: Auf der einen Seite scheint die Bahn vorgezeichnet. Aber niemand weiß, was wirklich kommt. Wie weit werde ich kommen? Was wird mich tragen? Wird mich womöglich etwas aus der Bahn werfen? Auch Menschen, die vorsichtig und umsichtig sind, die vieles wissen, bedenken und erspüren, wissen nicht, was wirklich kommt. Das ist unsere menschliche Realität am Beginn eines neuen Jahres. Ja überhaupt am Beginn jedes neuen Tages.

„Binde deinen Karren an einen Stern“ ist ein Ausspruch des Mahlers Leonardo da Vinci. In Zeiten der Orientierungslosigkeit scheint unser Lebenskarren zuweilen wie festgefahren. Dann brauchen wir eine Leuchtspur, die wie ein Stern auf etwas Größeres verweist. In der Heiligen Schrift ist immer wieder die Rede von solchen Leuchtspuren. Da ist Abraham, welcher in seiner Verzweiflung ganz umnachtet ist, weil ihm keine Nachkommen geschenkt sind. In seiner Krise nimmt er den Lebenssinn, die Leuchtspur seines Lebens, nicht mehr wahr. Das Aufschauen zum Himmel, um den Blick zu lösen von der Enge, von der gegenwärtigen Ausweglosigkeit, lässt ihm eine andere Perspektive zuteilwerden. Es braucht immer wieder den Blick auf die Leuchtspur des Himmels, auf die Verheißung.

So hören wir es in der Bibel auch von den Sternkundigen. Die Leuchtspur eines Sternes hat sie auf eine lange Reise geführt. Es ist nicht kopflos, den eigenen Sehnsüchten Raum im Alltag zu geben. Es ist nicht naiv, zu glauben, dass etwas auf uns, auf sie wartet. Es weitet den Blick, in den Himmel zu schauen. Dort leuchtet eine Spur, die ihnen den Weg weist. Für sie glühen die Sterne nicht nur am Himmel, sondern in ihrem Inneren. Da fängt etwas in ihnen zu leuchten an, das sie aus ihrer Lebenswelt herauszieht. Der Stern gilt als Zeichen, das in die Zukunft weist, das die Menschen von innen her aufbrechen lässt. Dass sie auf die Leuchtspur am Himmel blicken, zeigt, sie haben sich nicht einzig auf der Erde eingerichtet. Man könnte sagen, diese Menschen folgen der Spur ihres Herzens. Der Stern deutet uns an: Du bist nicht nur ein Mensch der Erde, sondern auch ein Mensch des Himmels. Folge dem Stern, der über dich hinausweist auf den, der vom Himmel herabkommt und unser tiefste Sehnsucht erfüllt. Mit der Geburt Jesu wird deutlich: Gott will uns so nah sein wie möglich. Er legt seine Spur in unsere Welt hinein, in unser Leben. Die Sterndeuter sind Menschen, die von Leben noch etwas erwarten und aufbrechen. Die drei Weisen sind Menschen, welche nicht mutlos werden, sondern weitergehen trotz aller Hindernisse.

Von der eigenen Lebenssituation aufzublicken zu einem Stern bedeutet, über den eigenen Horizont hinauszuschauen. Wie oft bleibt unser Blick an den Kleinigkeiten des Alltags hängen, weil uns die Vision eines sinnhaften, glückenden Lebens verloren gegangen ist?

Wohin ich schaue, dahin komme ich.

Die Hirten schauten auf zum Engel, eilten nach Bethlehem und fanden das Kind in der Krippe. Was die Hirten Maria erzählten, erwog sie in ihrem Herzen. Binden auch wir unseren Lebenskarren an diesen Stern mit dem Namen Jesus.  

Liebe Schwestern und Brüder!

Eine solche Einstellung entlastet. Ich muss nicht aus purer eigener Anstrengung leben. Das lässt aufatmen. Das nimmt dem Leben die Schwere. Das richtete auf. Das macht frei und froh.

Für das neue Jahr 2024 wünsche ich Ihnen: Gelassenheit und Vertrauen. Nicht Angst, Unsicherheit und Sorge, sondern engagierte Gelassenheit, Selbstvertrauen und Gottvertrauen.

Nach dem Motto:
„Gott kennt dein Gestern.
Gib ihm dein Heute.
Er sorgt für dein Morgen.“

Oder wie Dietrich Bonhoeffer beim Jahreswechsel 1944/45 schrieb:
„Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

Oder wie Alfred Delp, SJ meint:
„Wir können dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern weil Gott es mit uns lebt.“

Amen.