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Sieh mich in meiner Trauer

Neue Broschüre: „Impulse zur Trauerarbeit mit Menschen, die an Demenz erkrankt sind“ —

Eine Betroffene erzählt:

Die Diagnose „Demenz“ riss mich Ende 2017 mitten aus meinem aktiven und erfolgreichen Privat- und auch Berufsleben. Ich, die immer mittendrin war, im Privaten, im Beruf, in der Politik, im Ehrenamtlichen Engagement, als pflegende Angehörige und bei vielen Freizeitaktivitäten, machte nicht nur die bittere, persönliche Erfahrung der Diagnose Demenz, sondern zusätzlich, dass sich Menschen aus meinem Umfeld bewusst oder verunsichert zurückzogen, sobald sie das Wort „Demenz“ hörten. Es war gefühlt, ein Absturz ohne Fallschirm und Vorbereitung.

Mein Leben war schon immer geprägt von starken Gefühlen. Positiv wie auch negativ und in den verschiedenen Intensitätsstufen! Gefühle sind immer persönlich und immer individuell. Freude, Trauer, Wut, Furcht oder Liebe … egal, zu allen Zeiten haben mir Gefühle geholfen mit meinen tiefen Wünschen, Bedürfnissen und Enttäuschung usw. umzugehen. Das hat sich auch 2017 mit der Diagnose Demenz nicht geändert. Denn Leiden und Verlust von geliebten Menschen und bekannten Personen, Missbrauch, Trennung, Scheidung, Verlust von Dingen, bedrohliche Lebensumstände habe ich schon erlebt und überlebt. Aber mich selbst und mein „Sein“ langsam, aber sicher zu verlieren, war eine Erfahrung und Aussicht von existentiellem Verlust ungeahnter Größe.

Von 2017 bis 2020 durchlebte ich alle bekannten Phasen der Trauer in einer vorher nie dagewesenen Tiefe und Ausprägung. #Leugnen: Es kann nicht wahr sein! #Zorn: Wer ist schuld? #Verhandeln: Wie kann es wieder gut gemacht werden? #Depression: Ich kann es nicht abwenden, aber auch nicht ertragen! #Akzeptanz: Ich akzeptiere die Situation und versuche das Beste daraus zu machen. Gefühle haben seit der Diagnose für mich noch mehr Relevanz. Insbesondere Trauer und Freude! Es fühlt sich an wie auf einer Achterbahn.

Rückgang von Lebensfreude, tiefe Verzweiflung und Hilflosigkeit, Wut und Ärger waren in den ersten drei Jahren nach der Diagnose meine stetigen Begleiter. Die Trauer hatte mich emotional, spirituell, sozial und körperlich in ihrem Griff. Und wie so viele Menschen in unserer Gesellschaft war ich auf diese Trauer nicht vorbereitet und war oft in einem verdrängenden Gefühlszustand. Mein seelisches Gleichgewicht war massiv aus dem Lot.

Obwohl diese Trauer, eine nicht heilbare Erkrankung zu haben, kein Ende kennt, hat sich mein Schmerz in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. Heute habe ich gelernt mit meinem Schmerz zu leben und ich weiß, ich bin nicht allein. Ich kann mit dem schleichenden Abschied von so Vielem und zum Schluss von allem besser umgehen; auch der Tod ängstigt mich nicht mehr. Mit Hilfe und Unterstützung von Menschen, die mich immer lieben, und mich immer noch in meinem Leben begleiten, kann ich die kostbare Zeit, die mir noch bleibt an den meisten Tage genießen. Trotzdem!