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Silvester 2022

Das Letzte, was du auf dieser Welt sehen sollst, soll die Liebe sein.“ Mit diesen Worten fordert die Nonne Helen den Gefangenen Matthew Poncelet auf, ihren Blick zu suchen. Der Gefangene Matthew Poncelet ist zum Tode verurteilt. Seine letzte Stunde ist gekommen. Mit dieser Szene endet der Kinofilm „Dead man walking“ – „Toter Mann kommt“.

Über Monate hinweg hat Helen dem Verurteilten ins Gewissen geredet, um ihn zu überzeugen, zur Wahrheit und zur Verantwortung seiner Tat zu stehen. In letzter Minute wendet sich der Todeskandidat an die Eltern der Opfer, spricht deren Leid und Schmerz an und bekundet Reue. Kurz darauf, Punkt Mitternacht, beginnt die Apparatur mit der Giftinjektion zu arbeiten. Die Augen des Verurteilten und die Augen der Nonne suchen den Blickkontakt und finden sich. „Das Letzte, was du auf dieser Welt sehen sollst, soll die Liebe sein.“

Punkt Mitternacht geht auch für uns etwas zu Ende. Es endet nicht unser Leben – aber doch in gewisser Weise ein Stück und ein Teil unseres Lebens: das durchlebte und ausklingende Jahr 2022. So wird auch uns heute in den letzten Stunden des Jahres zugerufen: Das Letzte, was dir vor Augen und vor Ohren kommen soll, soll die Liebe sein. Paulus drückt es im Brief an seine Freunde in Rom mit folgenden Worten aus:

Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? … Doch ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, weder Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem HERRN.

Bilanz ziehen – das gehört zum menschlichen Leben. An bestimmten Wendepunkten und ganz besonders am letzten Tag des Jahres liegt es in der Luft – Rückschau halten:

Was ist gelungen und was ist misslungen in den vergangenen 365 Tagen? Was hat sich im Leben der Familie und der Freunde ereignet? Wo bin ich vorangekommen und gereift? Wo bin ich stehengeblieben und bequem geworden? Zu welchen Neuanfängen ist es gekommen? Und zu welchen Abschieden? Wie hat sich in den letzten zwölf Monaten die Welt und Deutschland verändert?

Zeitungen und Fernsehsender bringen ausführliche Jahresrückblicke:

2022 begann mit der noch ansteckenderen Omikron-Variante; gleichzeitig das Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München; Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine; der Kreml reduziert Gaslieferungen in westeuropäische Staaten, im Juli leidet Europa unter Hitze und Dürre; „Bußwallfahrt“ von Papst Franziskus nach Kanada; UN-Klimakonferenz in Ägypten.

Das rege Interesse an Jahresrückblicken drückt eine menschliche Sehnsucht aus. Es ist die Sehnsucht nach einem Kompass, nach einer Orientierung im fließenden Lauf der Jahre. Um einen eigenen Standpunkt finden zu können, muss man Bilanz ziehen, Dinge bewerten, Erfahrungen abwägen, Rechenschaft ablegen. Niemand kann sich davor drücken oder wegducken. Der Silvesterabend spült eine entscheidende Frage des Lebens nach oben:

Wie stehe ich da, wenn ich vor mir selbst Rechenschaft ablege? Wie stehe ich da vor dem Angesicht Gottes?

Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht. Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: Der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein.

Immer wieder wurden diese Worte von verfolgten Christen abgeschrieben und vorgelesen. Im Kampf vor Gericht, im Kampf um das eigene Leben weisen die Worte des Paulus auf einen ganz besonderen Anwalt und Fürsprecher: ein Anwalt und Fürsprecher, der seinen eigenen Sohn an Stelle anderer den Preis zahlen lässt; ein Anwalt und Fürsprecher, der für uns spricht, auch wenn vieles gegen uns spricht.

Wer von uns hat den Mut und die Größe, sein eigenes süchtiges Ich offenzulegen wie es Matthew Poncelet tat in seiner letzten Stunde kurz vor Mitternacht?

„Das Letzte, was du auf dieser Welt sehen sollst, soll die Liebe sein.“ Vielleicht lag es am buchstäblichen Augen-Blick der Liebe, der Matthew Poncelet die Kraft schenkte, über den eigenen Schatten zu springen. Einen Augen-Blick der Liebe – den haben wir selbst kurz vor Mitternacht noch, schreibt der Apostel:

Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

Wir haben einen Anwalt und Fürsprecher, der für uns eintritt: Er bezahlt unseren Schuldschein, unsere Rechnung. Dieser wunderbare Tausch kommt in einem zeitgenössischen Gedicht zum Ausdruck. „Am Ende die Rechnung“ von Lothar Zenetti:

Einmal wird uns gewiss
die Rechnung präsentiert
für den Sonnenschein
und das Rauschen der Blätter,
die sanften Maiglöckchen
und die dunklen Tannen,
für den Schnee und den Wind,
den Vogelflug und das Gras
und die Schmetterlinge,
für die Luft,
die wir geatmet haben,
und den Blick auf die Sterne
und für alle die Tage,
die Abende und die Nächte.

Einmal wird es Zeit,
dass wir aufbrechen und
bezahlen.
Bitte die Rechnung.    
Doch wir haben sie
ohne den Wirt gemacht:
Ich habe euch eingeladen,
sagt der und lacht,
soweit die Erde reicht:
Es war mir ein Vergnügen!

Am Ende zahlt Gott die Rechnung und gibt sich für uns hin. Das letzte Wort hat die Liebe.

Amen.