Zu den besonderen Erinnerungen aus meiner Kindheit zählen die Mutproben, an manche kann ich mich so lebendig erinnern, als ob es erst gestern gewesen wäre. Zum Beispiel an mein erstes Zeltlager mit unserer Ministrantengruppe, da war ich gerade mal 8 Jahre alt. Tagsüber beim Floßfahren und Schwimmen im trüben Bach war ich sofort mit dabei, ich war ein guter Schwimmer, aber als der Abend kam, wurden die verschiedenen Wachdienste für die Nacht eingeteilt. Am Feuer sitzen, auf die Fahne aufpassen, mit einem Partner die Zelte kontrollieren, das war schon spannend. Aber die größte Herausforderung war, eine weitere Strecke auf einem kleinen Weg durch den stockfinsteren Wald ohne Taschenlampe um das halbe Lager herumzugehen. Die erste Nacht habe ich mich davor gedrückt, aber in der zweiten Nacht wollte ich es mir und den anderen beweisen, dass ich mich das auch traue. Mit klopfendem Herz und zitternden Händen bin ich die ersten Schritte in die Dunkelheit hineingetappt, vorsichig, Schritt für Schritt den festen Boden des Pfades erspüren. Es waren unendlich lange zwei Minuten, bis ich wieder in Richtung Feuer gehen konnte, dann war es geschafft, warm durchströmte mich ein Glücksgefühl und auch ein wenig Stolz, mich das getraut zu haben.
Ob wir es „Mutprobe“ genannt haben oder nicht – ich glaube, jede und jeder von uns hat diese Momente erlebt, in denen man etwas zum ersten Mal im Leben gewagt hat. Der erste Sprung vom Fünfmeterbrett, oben stehen, zittern, runterschauen – und dann doch den Sprung wagen. Die schwierige Stelle auf der Bergtour, an der ich selbst – nicht ganz schwindelfrei – gezögert habe und sich etwas in mir weigerte, weiterzugehen – und ich schließlich trotzdem losgegangen bin. Der Lohn dafür: Mit jedem mutigen Schritt ins Neue hat sich mir eine neue Welt erschlossen. Gerne bin ich heute in der Dämmerung und Dunkelheit draußen auch allein unterwegs, und an Flüssen oder am Meer haben wir noch ganz andere Sprünge gewagt. Ich bin froh, dass meine Eltern uns vieles zugetraut und manche Aktion nicht gesehen haben, doch wir haben dabei gelernt, Situationen einzuschätzen und Neues zu wagen. Als mein Sohn schließlich mit seinen Freunden an der Adria auf die Felsen hinaufgestiegen ist, habe ich schnell heimlich ein Foto gemacht und mich dann still zurückgezogen. Stolz und glücklich sind sie zum Zeltplatz zurückgekommen.
Ich bin dankbar für diese kleinen Mutproben, in denen ich gelernt habe, mich trotz Angst, Unsicherheit und Risiko Herausforderungen zu stellen und Schritte zu wagen. Denn im Leben ist oft unser Mut gefordert, gerade in Situationen, in denen wir uns nicht einfach frei für spannende Abenteuer entscheiden können, um die Welt und das Leben besser kennenzulernen. Es sind die Situationen, in denen uns das Leben vor Herausforderungen stellt: die Berufswahl, eine Partnerschaft, die Entscheidung für Familie und Kinder, die Veränderungen im Beruf, aber auch der Verlust von lieben Menschen und vieles mehr.
Viele mutige Menschen habe ich kennengelernt: Menschen mit „moralischem Mut“, die sich für Glaubensfreiheit, Menschenrechte und Gerechtigkeit eingesetzt haben – in Ländern, in denen sie verfolgt wurden. Menschen mit „Lebensmut“, die sich nach schwerer Diagnose für ihren Weg entschieden haben – mit Therapieziel „Heilung“ oder „Palliativ“. Menschen mit „Liebesmut“, die Eltern oder Partner bis zuletzt begleitet haben.
„Hab nur Mut, steh auf!“ rufen die Menschen im Markusevangelium dem blinden Barimäus zu. Noch fehlt ihm ein wenig zum letzten Schritt, aufzustehen und auf Jesus zuzugehen, der ins Dorf kommt. Noch wagt Bartimäus es nicht, sich zu erheben, glauben doch viele Zeitgenossen daran, dass seine Krankheit Strafe für eigene oder familiäre Schuld ist. „Hab nur Mut, steh auf!“, dieser Zuspruch hat ihm noch gefehlt, damit er seinen Mut zusammennehmen kann! Er wagt es, er steht auf, was soll schon passieren?
„Hab nur Mut …“, natürlich können wir nicht einfach anderen Mut für jede Lebenssituation zusprechen, aber vielleicht ist es in dem Moment genau der Zuspruch, den ich brauche – von Menschen, die mir nahestehen und mich begleiten.
„Hab Mut, steh auf!“ – ein wichtiges Motto, unter das sich heuer auch der Katholikentag gestellt hat, der vom 13. bis 17. Mai in Würzburg stattfindet.
„Hab Mut!“, kann man das so sagen? Das deutsche Wort Mut stammt ja immerhin vom indogermanischen Wort für „sich mühen“ ab, ob „mühe dich“ wie ein Zuspruch klingt? Doch es gibt auch ein schönes bayerisches Wort dafür: „Schneid“! Wie auf Messers Schneide so ist oft das Leben. Der und die Mutige steht dazu, stellt sich den Herausforderungen des Lebens. Denn Mut heißt ja nicht „Freisein von Angst“, sondern Mut überwindet Angst und entscheidet sich trotzdem. „Fürchtet Euch nicht!“ hören wir dazu immer wieder von Jesus und: „Habt Vertrauen“. Das ist alles natürlich kompliziert, aber kommt für mich in dem einen Wort zusammen, mit dem man sich in unserer Gegend in allen Lebenssituationen gegenseitig motiviert. Und mit diesem Wort für uns alle möchte ich schließen: „Lass Dir nicht den Schneid abkaufen!“
Robert Ischwang
Diözesan-Altenseelsorger