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Miteinander auf dem Weg: Den Winter spüren (01/2024)

Ein einmaliges Wintererlebnis

Ich weiß es noch wie heute: Genau vor 27 Jahren, Ende Januar 1997 war der Starnberger See zum letzten Mal in Gänze zugefroren. Doch das wusste zunächst noch keiner.

Es war an einem Samstagmorgen, die letzten Nächte waren sehr kalt gewesen, der Himmel klar, die Sonne war schon seit zwei Stunden aufgegangen. Auf dem Weg hinunter zum See konnte man gut bis ans knapp drei Kilometer entfernte andere Ufer sehen – und dazwischen sah man nur noch Weiß, die letzten dunklen Flecken in der Seemitte waren nun auch verschwunden.

Der See schien nun völlig zugefroren zu sein, aber würde er auch tragen. Wir wollten auf jeden Fall einmal testen, wie weit man schon laufen konnte und machten uns auf den Weg in den Bernrieder Park, einem guten Startplatz mit zuerst sehr seichtem Wasser. Natürlich hatten wir vorgesorgt, nicht nur Schlittschuhe an den Füßen, sondern Ersatzkleidung im Rucksack, zwei lange Bergseile, Stangen und Eishockeyschläger. Man weiß ja nie.

Und dann begann das große Abenteuer: Auf unberührtem Eis begannen wir loszulaufen, hinaus auf den See, ein paar hundert Meter, dann in der eigenen Spur wieder ein Stück zurück, nochmal hundert Meter weiter, wieder zurück, wieder weiter und so fort. Und langsam entfernte sich unser Ufer, im Süden kam die gesamte verschneite Bergkette bis hinter Zugspitze und Allgäuer Alpen in den Blick, um uns nur unberührtes Eis und eine gespannte Stille. Die Sonne, die nun gegen elf Uhr schon höher am Himmel stand, sorgte für Spannungen im Eis. So etwas hatte ich noch nie erlebt, es hörte sich beinahe an wie ein Düsenflugzeug, das auf uns zuraste, dabei waren es nur die Spannungen in der riesigen Eisfläche, die sich in Rissen entluden. Eine beinahe unwirkliche, unbekannte und neue Welt tat sich da auf, kilometerweit nur eine unberührte Eisfläche.

Und wir liefen weiter, ein Stück vorwärts, vorsichtig ins Neue, auf sicherer Spur wieder ein wenig zurück, wieder weiter – als wir vielleicht 300 Meter vor dem Ostufer plötzlich eine einzelne Schlittschuhspur vor uns sahen. Bis dorthin hatte sich ein anderer Läufer gewagt. Und auf seiner Spur gelangten wir schließlich sicher ans andere Ufer zum Wasserwachtsteg in Ambach.

Natürlich sind wir wieder auf unserer sicheren Spur zurück ans Westufer gelaufen und gingen erst einmal nach Hause, um zu Mittag zu essen und von unserem Erlebnis zu erzählen. Als wir gegen vier Uhr wieder hinunter in den Park kamen, trauten wir unseren Augen kaum: vom Teehaus bis hinüber ans andere Ufer des Sees zog sich eine Menschenschlange von Läufern, die genau auf unserer Spur hinüber und wieder zurückliefen.

Es haben sich in den Tagen noch viele andere Wege eingelaufen, wir selbst haben es einmal sogar bis hinauf nach Berg geschafft. Der zugefrorene See veränderte bei vielen den Tagesrhythmus: Schon in der Morgendämmerung trafen sich die ersten, um noch vor der Arbeit hinüberzulaufen, und am Abend kamen die letzten mit Stirnlampen auf dem Kopf zurück, um dieses einmalige Wintererlebnis auszukosten. Und beim Nachhausgehen konnte man den See klingen und wummern hören, als ob Riesen darauf Eisstock spielen würden.

Am Faschingssonntag wurde dann das Eis schon sehr weich, über manchen Riss kamen wir nur mit großem Anlauf und einem beherzten Sprung hinüber, dann setzte ein milder Weststurm ein und bereits am Aschermittwoch, es war der 16. Februar, war der Zauber innerhalb weniger Stunden verschwunden. Der Sturm hatte das gesamte See-Eis am Westufer meterhoch aufgetürmt, der See selbst lag dunkelgrau unter den dahinziehenden Wolken.

Seither ist der Starnberger See nicht mehr zugefroren, auch in den Erinnerungen und Erzählungen der Einheimischen hat er dies nur alle 20 Jahre getan. Ob wir selbst es in Zeiten einer globalen Erwärmung nochmals erleben werden?

Auf jeden Fall ist mir in diesen Tagen vieles übers Leben besonders bewusst geworden.

Als erstes: Manche Momente im Leben sind einmalig und ganz besonders. Nur einmal in meinem Leben habe ich es erlebt, dass ein so großer See zufrieren kann, dass sich das Eis jeden Tag verändert, dass ein See nachts klingen, ja fast musizieren kann. Und dass es sich lohnt, ein wenig zu wagen und sich dann auch die Zeit zu nehmen, diese Momente zu erleben, dabei zu sein.

Und zu erfahren: Es gibt Zeiten, in denen Dinge, die sonst so nicht möglich sind, plötzlich gehen: Bei uns quasi von der Haustür aus fast 20 Kilometer in eine Richtung Eislaufen zu können, an Orten auf dem See zu stehen, an die man sonst nur mit einem Boot kommen kann, einfach mal schnell hinüber ans andere Ufer zu kommen, bei anderen auf dem Steg zu sitzen und zu ratschen, die sonst nur in weiter Ferne und unbekannt sind. Manche Krise haben wir seither erlebt – und trotz aller Herausforderungen haben sie meist auch Wege geöffnet, die man bis dahin für nicht möglich gehalten hatte.

Und dann natürlich die bekannte Erfahrung, wie schnell all das Wunderbare auch wieder vorbei sein kann. Doch umso wertvoller und kostbarer erscheinen mir dann diese Momente im Leben, umso wichtiger wird es mir sie zu schätzen, sie nicht zu verpassen und schließlich später aus der Kraft der Erinnerung an sie zu leben.

Was mir am Ende davon bleibt, ist vor allem das Gefühl der Dankbarkeit: Danke, dass ich das erleben durfte, Danke für jeden neuen Tag, den ich wieder aufwache. Peter Maffay hat das auf einer seiner Tabaluga-Platten so ins Wort gebracht: „Danke an das Leben. Für meine Augen, die viel sehn, was mir Freude macht. Den Baum, die Wolken und die Nacht. Sie können mit mir weinen, lachen, staunen. Danke für den Blick in andre Augen.“

So können wir als Christen das neue Jahr schon vor dem Ende – dankbar – loben: im Rückblick auf all das, was mir in meinem Leben bisher geschenkt wurde und im Vertrauen darauf, dass Gott mich durch die Jahre geleiten wird – aufmerksam für jeden neuen Tag, das Einmalige und die Menschen um mich herum.

Oder mit den Worten des Barockdichters Andreas Gryphius gesprochen:

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;
mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen.
Der Augenblick ist mein, und nehm‘ ich den in acht,
so ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht.

Robert Ischwang
Diözesan-Altenseelsorger