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„Das Eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll.

... Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.“ So schreibt der Jesuit Alfred Delp – 1944 in einer Gefängniszelle in Berlin. Im Angesicht des Todes, der wohl schwersten Krisensituation, die dem Menschen aufgegeben ist, gibt er Zeugnis davon, dass alles, was uns auch widerfährt, tiefer mit Gott in Verbindung bringen möchte.

Mit was sind wir, wodurch sind wir in der gegenwärtigen Corona Krise in Verbindung? Die Menschheitsfamilie ist weltweit und in bisher nie gekanntem Ausmaß verbunden durch ein Problem, ein Virus, eine Herausforderung. Zugleich ist sie deswegen auf Distanz gegangen. An die Stelle des Flugs nach Afrika und Asien ist die Videokonferenz getreten, das Homeoffice zu Hause ersetzt den Gang zur Arbeit und in die Schule. Das ist die äußerliche Situation.

Die Krise ist – wie jede Lebenskrise – zugleich mehr als „ein Problem“. Weltweit stellt sich die Frage nach dem Sinn, nach dem, was die Menschheit nahezu zeitgleich und an allen Orten gleichermaßen betrifft: die Frage nach dem eigenen Leben, nach Krankheit und Tod, nach Solidarität und Sorge für Andere. Da alle gleichermaßen betroffen sind, tritt stärker als sonst ins Bewusstsein, dass wir auch bei den Antworten voneinander lernen können und müssen.

Es gibt das geflügelte Wort „Not lehrt beten“. Das stimmt nicht unbedingt. Die Not kann auch unsere Beziehung zu Gott in Frage stellen. Und für viele wurde ihr Glaube erschüttert: Was ist das für ein Gott, der solche Pandemien zulässt? Und viele haben dann sofort eine Deutung für die Krise parat: Die Krise ist Strafe Gottes. Doch mit solchen Deutungen stellen wir uns über Gott. Wir wissen dann genau, was Gott denkt. Jesus fordert uns durchaus auf, die Zeichen der Zeit zu verstehen. (Lk 12,54-57) Wir sollten uns durchaus fragen: Was will Gott uns mit der Krise sagen? Jesus versteht sowohl die Vorkommnisse in der Natur als auch geschichtliche Ereignisse als Zeichen der Zeit. Und für ihn sind sie immer eine Herausforderung zur „metanoia“, zum Umdenken und Umkehren. (Lk 13,1-5)

Zeit zum Anhalten ist Zeit der Umkehr. Wenn die Corona-Krise keinen Effekt auf dich haben wird und du danach so weiter machst wie vorher, dann ist die Isolation vertane Zeit gewesen. Wenn das erzwungene Anhalten den Effekt hat, dass du deine Prioritäten neu setzt und dein Herz auf Gott ausrichtest, dann hat die Krise einen Sinn.

Dabei ist die Epidemie lediglich ein Anlass. Wer mit Gott rechnet, für den wird alles zu einem Zeichen seiner Gegenwart und zur Einladung zur Umkehr. Ob Krankheit oder glückliche Zeiten, ob etwas Außergewöhnliches oder der gewöhnliche Alltag. Egal, was uns widerfährt, wenn wir es recht betrachten, wird es uns tiefer mit Gott verbinden, und wir finden die Kraft, die Sünde hinter uns zu lassen.

Unser Leben ist kostbar, aus christlicher Sicht von unschätzbarem Wert. Wir haben nur ein einziges. Lasst uns das Leben – ob ein kurzes oder ein langes – jeden Moment wertschätzen und es in der Nachfolge Jesu im Dienst an Gott und den Mitmenschen bewusst gestalten. Nicht einfach nur überleben oder irgendwo mitschwimmen im Trend. Dein Leben ist ein Geschenk Gottes. Nutze es auf fruchtbare Weise!

„Wir aber sind oft blind…“, so fährt Alfred Delp vor mehr als 75 Jahren fort. „Wir bleiben in den schönen und den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen.“

Ich wünsche Ihnen, dass Sie in allem, was Ihnen in diesen Tagen auch widerfahren mag, an diesen Brunnenpunkt gelangen. Denn in allem will Gott Begegnung feiern.

Ihr Pfarrer Siegbert G. Schindele